Schnalstal: Bella Vita auf der Vista

Egal ob es auf die berühmte Weißkugel geht, oder auf ihre kleine Schwester, die eher unbekannte Langtauferer Spitze – im Schnalstal kann man das Touren-Leben voll genießen

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Man feuert uns schon von weitem an, auf den letzten Höhenmetern nicht schlapp zu machen

Wenn’s nicht so gut anfängt, dann kann man davon ausgehen, dass alles besser wird. Als wir freitags am späten Nachmittag in Kurzras im hinteren Schnalstal ankommen, können wir der letzten Seilbahn auf den Gletscher gerade noch nachwinken. Positiv betrachtet heißt das, unser Skitourenwochenende beginnt schon früher als erwartet. Nämlich mit dem Aufstieg zur 2.845 m hoch gelegenen Schutzhütte „Schöne Aussicht“ (oder im zweisprachigen Südtirol: Bella Vista).

Rund 850 Höhenmeter auf der Skipiste sind im Grunde ein netter Ausgleich nach der Autofahrt. Weniger nett, aber dafür ausgesprochen abwechslungsreich, zeigt sich das Wetter. Von ein paar kurzen Sonnenstrahlen über Wind, Nebel, Regen, Graupel bis zu Blitz und Donner (und das im April!) ist alles dabei. Doch wir lassen uns nicht entmutigen und kämpfen uns tapfer durch den Sturm, wobei uns vor allem der Gedanke an die für den heutigen Abend angekündigte Bordelaise-Wein-Verkostung Kraft gibt. Es sind Ideen wie diese, die Hüttenwirt Paul Grüner zu einem der originellsten Typen unter Südtirols Hüttenwirten machen. Die höchstgelegene Sauna Südtirols mit Außenwhirlpool, eine eigene Kosmetiklinie mit Mineralien aus dem Gletschersand, eine Firma, die den Südtiroler Knödel unter dem Namen „Ö wie Knödel“ neu inszeniert, Live-Jazz auf der Sonnenterrasse, oder eben eine Weinkost auf fast 3.000 m sind nur einige der ganz speziellen Ideen von Paul.

Auch heute schallt uns schon Motown aus dem Internetradio von Pauls Lieblingssender entgegen. Trotz leichtem Schneetreiben haben sich die Gäste auf der Aussichtsterrasse versammelt, um sich mit perlendem Franciacorta für die Bordelaise-Weinkost aufzuwärmen. Die Stimmung ist gut und man feuert uns schon von weitem an, auf den letzten Höhenmetern nicht schlapp zu machen. Wir strengen uns ordentlich an und bekommen zur Belohnung gleich ein Glas von dem herrlich frischen, leicht sprudelnden Weißwein aus der Lombardei in die Hand gedrückt. Das hilft nicht nur gegen Durst, sondern lässt auch den nicht geplanten Aufstieg samt Gepäck schnell wieder vergessen. Zum Glück gibt es auch schon ein paar Antipasti mit Schnalstaler Schüttelbrot, Graukäse und Speck, denn schon beginnt Sommelier und Weinakademiker Christoph Tscholl mit professionellem Ernst die Gläser aufzuschenken. Drei so genannte „Flights“ mit je vier Weinen, zum Teil aus Frankreich, zum Teil aber auch nach Bordeaux-Art aus der ganzen Welt, hat er uns mitgebracht. Das sind zusammen 12 Glas Wein, und auch wenn nicht jedes ausgetrunken wird, so steigt doch die Stimmung bei uns Amateur-Weintestern im gleichen Maß, wie die Ernsthaftigkeit sinkt. Mehrmals mahnt Christoph zu etwas mehr Konzentration, dann akzeptiert er unsere etwas unprofessionelle Haltung und unser abschließendes Urteil, das einen recht exotischen Bordeaux aus dem Libanon zum Gewinner des Abends erklärt und schenkt noch mal nach. Auch Paul erkennt routiniert die Lage und lässt das Abendessen servieren. Müde, satt und rotweinselig fallen wir in die gemütlichen Betten und haben ausnahmsweise überhaupt keine Probleme damit, auf fast 3.000 m Meereshöhe einzuschlafen.

Frische Spur in endloser Weite

Ein strahlend schöner Tag weckt uns am nächsten Morgen. Der Schnee funkelt wie eine Million Diamanten, und wir sehen schon am Morgen die Berge doppelt. Allerdings nur deshalb, weil sich die Schnalser Bergwelt im rundum verspiegelten Gerätehaus von Paul so schön spiegelt. Nach einem Aspirin und ein paar Tassen Kaffee ist die Welt wieder in Ordnung, und schon bald stehen wir draußen vor der Hütte in der Morgensonne auf den Skiern. Gerade schalten die Lifte an und wir dürfen zuerst einmal über die frisch präparierte Piste bis zum Hintereis-Lift abfahren. Erst an der Bergstation wird aufgefellt, und dann geht es ein kleines Stück hinauf bis auf den nächsten Bergkamm. Hier heißt es wieder abfellen und die erste schöne Tiefschneeabfahrt hinunter zum Hintereisgletscher genießen. „Die Felle bitte sauber und möglichst schneefrei in den Rucksack, die brauchen wir heute noch“, mahnt uns Michel Grüner. Der Bruder von Hüttenwirt Paul ist im richtigen Leben ein erfolgreicher Anwalt. In seiner Freizeit ist der Extremsportler ein begeisterter Skitourengeher und begleitet uns heute auf die 3.529 m hohe Langtauferer Spitze. Als Nachbargipfel der berühmten Weißkugel steht dieser Berg oft ein wenig in deren Schatten, dabei ist die herrlich breite Abfahrt über die Südflanke mit mehr als 600 Höhenmetern allein schon den Aufstieg wert. Doch von dieser Abfahrt können wir vorläufig nur träumen. Im Kessel des Gletschers ist es schon jetzt am frühen Vormittag sehr warm und wir ziehen alles aus, was sich ausziehen lässt und im Rucksack noch Platz hat.

Ganze Karawanen von Tourengehern ziehen Richtung Weißkugel, wir halten uns rechts und steuern auf die Flanke und den Gipfel der Langtauferer Spitze zu. Unser Ziel hat offenbar seit dem letzten Schneefall noch niemand als Tour gewählt, und so kann Michel eine frische Spur in die endlose Weite dieses Gletscherhanges legen. Die Sonne strahlt vom dunkelblauen Himmel und es regt sich kein Lufthauch. Bald reißt unsere Gruppe etwas auseinander, hier und da scheint die Wärme, vielleicht auch die Höhe oder doch noch die Nachwehen der Bordeaux-Orgie ihren Tribut zu fordern. Ein letztes kurzes Steilstück, dann stehen wir auf dem Vorgipfel der Langtauferer Spitze und genießen den einmaligen Ausblick auf die Schnalstaler Schneeriesen, allen voran die mächtige Weißkugel. Im Süden stehen imposant Ortler und Königspitze, im Osten der Similaun und die Hintere Schwärze. Um den eigentlichen Gipfel zu erreichen ist noch ein wenig aus-gesetzte Kletterei über Schnee und Fels nötig, und der Tiefblick nach Westen in Richtung Langtauferer Tal ist Schwindel erregend.

Bruchharsch im Steinschlagtal

Nach verdienter Rast und Gipfeljause wandern die Felle einmal mehr in den Rucksack, und wir freuen uns buchstäblich wie Schneekönige, dass wir

die ersten Spuren in diesen gewaltigen Hang legen dürfen. Herrlicher Pulverschnee erwartet uns, und wer genug Kraftreserven hat, mag gar nicht mehr stehen bleiben, bis die Bergflanke wieder in der Horizontale des Gletschers ausläuft. Hier heißt es erst mal durchschnaufen und dann wieder auffellen, denn die Schöne Aussicht Hütte befindet sich nun mal leider im Nachbartal. Doch ganz so einfach will uns Michel nicht davon kommen lassen. Anstatt die kurze Strecke in Richtung Schnalstaler Gletscher aufzusteigen, wählt er die Route zum Steinschlagtal. Dazu steigen wir zunächst ein Stück in Richtung Weißkugel auf und klettern dann südlich über einen Felskamm. In unserer Skitourengruppe bahnt sich eine leichte Meuterei an, doch da Michel der einzige Ortskundige ist und zielstrebig davon zieht, bleibt uns nichts anders übrig, als zu folgen. Leider zieht jetzt auch noch Nebel auf und der Schnee im Steinschlagtal erweist sich als tückischer Bruchharsch, so dass die Abfahrt alles andere als ein Genuss ist. Wir sind heilfroh, einigermaßen gut wieder im Tal anzukommen, doch wir haben schon wieder die letzte Bahn verpasst! Diesmal haben wir jedoch Glück. Paul holt uns von der Teufelseckhütte mit seinem Skidoo ab.

Auch der nächste Tag beginnt mit herrlichem Sonnenschein. Heute steht die Weißkugel auf dem Programm. Unser Begleiter ist Bergführer Stephan Andres aus Laas im Vinschgau. Nach der kurzen Abfahrt zum Teufelseck fahren wir mit dem Lift auf 3.300 m hinauf. Hier fixieren wir die Felle und steigen gleich hinter der Bergstation hinauf auf den nächsten Bergrücken. Auch bei dieser Tour gibt es wieder eine kurze Abfahrt, bevor der eigentliche Aufstieg zum Gipfel der Weißkugel beginnt. Die Langtauferer Spitze lassen wir heute rechts liegen und bewundern beim Aufstieg noch einmal unsere Spuren von gestern. Mit weniger Bedauern passieren wir den Übergang zum Steinschlagtal linker Hand und steigen über das Hintereisjoch und den Südgrat zur immerhin 3.739 m hohen Weißkugel auf. Nach der Wildspitze ist dieser Gipfel der zweithöchste Berg der Ötztaler Alpen und einer der höchsten Skitourengipfel. Kurz vor dem letzten steilen Anstieg macht sich die Höhe bemerkbar. Da über diese Flanke auch abgefahren wird, ist die Spur an vielen Stellen zerfahren, was den Aufstieg zusätzlich erschwert. Doch endlich ist der Wintergipfel erreicht und der fantastische Ausblick entlohnt uns für die Mühe. Auch hier wäre ein wenig Kletterei über die zum Teil vereisten Felsen nötig, um am eigentlichen Gipfelkreuz zu stehen. Doch da auf der ausgesetzten und nicht ganz ungefährlichen Kletterei zum Sommergipfel auch noch reichlich Gegenverkehr herrscht, rät Stephan dazu, sich die letzten Meter doch lieber zu schenken. Denn auch heute haben wir noch einiges vor. Einfach nur den Aufstiegsweg wieder abzufahren kommt natürlich nicht in Frage. Unsere Abfahrt soll heute bis hinunter ins Langtauferer Tal führen, wo uns in Melag am Talschluss ein Busshuttle erwarten wird. Der Vorteil: Für nur etwa 800 Höhenmeter Aufstieg gibt es über 2.000 Höhenmeter Abfahrt und das auf dieser nicht oft gewählten Strecke noch dazu im unberührten Pulverschnee! Nach der Abfahrt über den Gipfelhang müssen wir noch einmal kurz auffellen und wieder den Hintereisgletscher überqueren, bevor wir endlich die schier endlosen Hänge ins Langtauferer Tal hinab schwingen können. Die Bergwelt mit Eis und Schnee scheint hier grenzenlos, weit und breit kein Zeichen von Zivilisation und um uns herum nur endloses Weiß. Stephan schwingt voraus und man sieht deutlich: Dies ist einer jener Tage, an denen er seinen Beruf als Bergführer über alles liebt. Krönender Abschluss dieses Tages ist die Einkehr im Gasthof Schwarzer Adler in Schleis. Der Tipp von Stephan erweist sich, wie die gesamte Tour, als Volltreffer. Wir lassen uns die hausgemachten Hexenschlucker, Teigtaschen mit Steinpilzfüllung, ebenso schmecken wie die butterzarten Rindswangen mit Polenta und Lagrein-Sauce. Dazu passt natürlich auch am besten ein Glas von dem kräftigen Südtiroler Lagrein.

Zurück auf der Hütte berichten wir Hüttenwirt Paul von unseren Abenteuern der letzten beiden Tage und fragen ihn, welche der beiden Skitouren er vorziehen würde. Die großartige und berühmte Weißkugel, oder doch die unbekannte, kleine Schwester Langtauferer Spitze? Und Paul enttäuscht uns auch diesmal nicht mit seiner geradezu philosophischen Antwort. „Das ist genau wie mit Bordeaux oder Lagrein“, sagt er. „Ein großer Namen zieht natürlich immer. Aber manchmal soll man eben auch den ‚local heroes’ eine Chance geben!“

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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