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Graubünden

Wer bei Graubünden nur an Davos denkt, ist selber schuld: Denn in den Mini-Skigebieten zwischen dem berühmten Bündner Ski-Dorf und dem Rheintal warten jede Menge unberührter Freeride-Abfahrten und Skitouren auf Entdecker.

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Bild: Günter Kast, Alpinschule Allgäu, M. Kobald

Text Günter Kast

Peter spricht mit viel Begeisterung in der Stimme von Ortsnamen, die ich noch nie gehört habe: Jenaz, Küblis, Fideris, Schiers. Und jetzt erzählt er auch noch von Skigebieten, deren Namen mir partout nichts sagen: Heuberge, Juncker-Lift. – Mensch, ich bin doch nicht blöd! Ich kenn‘ mich doch aus in der Schweiz und besonders in Graubünden! Peter grinst nur und sagt: „Genau so soll es sein. Du musst ja nicht alles wissen und schreiben.“ Der Chef der Alpinschule Allgäu hat gut lachen: Von seiner Heimat in Weiler im Westallgäu erreicht er das Prättigau in weniger als zwei Stunden. Entsprechend oft treibt er sich hier herum und geht als „Jäger der unverspurten Hänge“ auf die Pirsch, wenn es ihm in Davos, Arosa, Lenzerheide, Disentis oder Andermatt mal wieder zu überlaufen ist.

Als wir von der Rheintalautobahn bei Landquart abbiegen und die Talstraße Richtung Klosters weiterzuckeln, gerät Peter regelrecht in Ekstase: „Sieht Du, typische Nordstaulage. Wie fast immer hier. Die kriegen mal wieder eine volle Ladung ab.“ Das kann man so sagen. Dafür herrscht auch Lawinenwarnstufe 3-4. Der Allgäuer Bergführer ahnt meine Gedanken: „Man findet hier auch bei Warnstufe 4 eine wunderbare und sichere Spielwiese im Wald. Wirst schon sehen.“

Peter parkt beim Bahnhof in Küblis. In voller Freeride-Rüstung steigen wir in den Postbus um, der uns hinauf nach St. Antönien bringt. Endlich mal ein Ortsname, der mir etwas sagt! Würde es jetzt nicht schneien, könnten wir im Norden die schroffen Gebirgszüge des Rätikons mit seinen markanten Kalkwänden und den Übergängen ins österreichische Montafon sehen: die Sulzfluh, die Drei Türme, die Drusenfluh, und natürlich das St. Antönier Joch, das man auf der berühmten Madrisa-Runde überquert. Peter sagt, dass er hier in St. Antönien früher öfter Quartier bezogen habe. Doch dann sei der Ort von Skitourengehern regelrecht überschwemmt worden. Preis und Leistung hätten nur noch selten gestimmt. Vor allem aber habe der Hype dazu geführt, dass First Tracks zur Mangelware wurden.

Das Mega-Winter-Wonderland

Im Ort lassen wir deshalb die Montafon-Seite links liegen und steuern den kleinen Juncker-Schlepplift an, der uns auf 1.650 Meter hinauf zieht. Nach kurzer Abfahrt fellen wir auf und spuren im tiefenPowder dem Chrüx (2.195 m) entgegen. Bei der Abfahrt quietschen wir wie Ferkel vor Vergnügen, denn schon nach wenigen Schwüngen sind wir wieder im Wald und haben ausreichend Sicht, um den knietiefen Schnee so richtig zu genießen. Was für eine Spielwiese! Was für ein Mega-Winter-Wonderland! Bei der urigen Boden-Alm machen wir Rast. Am Wochenende hat sie auch im Winter geöffnet, was aber meist nur Einheimische wissen. Bei „sura Most“ und Bündner Nusstorte wärmen wir uns auf. „Hast Du Bock auf mehr?“, fragt Peter. „Auf Most? Logisch!“ Er meint aber Höhenmeter: „Klar, hab‘ ich auch.“ Also die angewärmten Felle wieder auf die Skier und hinauf zum Alpbuel (2.022 m). Von hier oben geht’s nur noch bergab, satte 1.200 Höhenmeter via Pany bis hinunter nach Küblis zu unserem Auto: eine narrisch schöne Waldabfahrt mit perfekten Schneisen, die auch bei Warnstufe 4 zu verantworten ist. Und das Beste: Zusammen mit nur vier Locals haben wir den ganzen Berg für uns allein! Am Ende des Tages stehen fast 2.000 Abfahrtsmeter bei nur 900 Höhenmetern im Aufstieg zu Buche. „Merci für einen perfekten Tag!“, sage ich zu Peter. In Gedanken male ich mir aus, was für ein Blödsinn es heute gewesen wäre, bei mieser Sicht und hoher Lawinengefahr die Freerides an der Weissfluh im Davoser Skigebiet zu versuchen.

Abends zeigt mir Peter sein neues „Basecamp“ in Jenaz. Nach seiner „Flucht“ aus St. Antönien hatte er einige Zeit unten im Rheintal in einem Gasthof eingecheckt. Das war okay, aber ein bisschen weit weg von den schönsten Free-rides. Doch dann hörte er von einer Freundin aus dem Tal, dass junge Leute das Hotel „Sommerfeld“ in Jenaz übernommen hätten. Sie arbeite selbst dort, ob er mal vorbeischauen wolle. Peter schaute vorbei – und blieb mit seinen Gruppen gleich im ersten Winter fünf Wochen lang. Bei Anita und Bruno stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis (wenn man bedenkt, dass man in der Schweiz ist). Es gibt eine Sauna, einen großen Raum für Equipment, ein leckeres Frühstücksbuffet und immer irgendwo ein Extra-Bett. Vor allem kocht Bruno richtig groß auf, wofür er von den Gault-Millau-Testern mit 13 Punkten bedacht wurde. Und wenn er einmal doch nicht in der Küche oder seinem wohlsortierten Weinkeller steht, holt er schon mal Peters Gäste mit dem Allrad-Wagen aus einem abgelegenen Seitental ab.

Ein „Kübel“ Bier

Seit zehn Jahren ist Peter hier quasi zuhause. In der Faschingswoche hat er das „Sommerfeld“ fast komplett für seine Gruppen gebucht. Dann spielen einige seiner Gäste jeden Abend richtig coolen Jazz. – Free Jazz und Free Ride, das passt ganz gut zusammen. Zumal die „Jungs“ Profis sind: Immer dabei ist zum Beispiel Joachim „Rocky“ Knauer. Der Kontrabassist, geboren in Vancouver, spielt sonst im Nightclub des Bayerischen Hofs oder in der Münchner Unterfahrt. Er ist auch schon mit echten „Chefs“ der Szene wie Al Porcino oder Lee Harper aufgetreten. Im Prinzip alles supi. Nur wenn man mit „Rocky“ Freeriden oder auf Tour geht, braucht man gaaanz viel Geduld. Er ist halt nicht mehr der Jüngste und fummelt lieber an den Saiten seines Kontrabasses als an einer Skitourenbindung herum …

Auch Peters Bergführern Charly, Steffen und Bruno gefällt’s im „Sommerfeld“. Dekoriert mit ihren Bergschul-T-Shirts („Wir besteigen alles!”) bestellen sie bei Anita einen „Kübel“ Bier, wie hier in der Ostschweiz die Halbe genannt wird. Dann stecken sie wieder die Köpfe zusammen und diskutieren die besten Runs für den kommenden Tag. Nach dem „Big Dump“ vom Vortag soll’s morgen nämlich Sonne geben.

Wenn es die Lawinensituation zulässt, könnte man natürlich mal einen Ausflug nach Davos und Klosters riskieren, um die Varianten rund um den Weissfluh-Gipfel zu checken. Die als Obersäss/Schwändi bekannte Route liefert für nur 40 Höhenmeter im Aufstieg satte 1.900 Abfahrtsmeter im freien Gelände und endet fast direkt am Bahnhof in Küblis. Allerdings sind 38 Grad Steilheit bei einem immer noch „scharfen“ Dreier in Sachen Lawinen-gefahr zu heikel. Das gilt auch für die andere Mega-Abfahrt vom Weissfluh-Gipfel hinunter nach Barga, mit Wiederaufstieg zum Strassberger Fürggli, Abstecher in die Heuberge und abermaliger Hammerabfahrt bis nach Jenaz direkt vors Hotel Sommerfeld. Hier käme man bei nur 500 Metern Aufstieg sogar auf 2.800 Abfahrtsmeter!

Zeit ist hier kein Geld

Peter sagt: „Locker bleiben. Die Runs sind auch morgen noch jungfräulich. Wir machen lieber einen Ausflug nach ‚anno-dazu-mal‘.“ Er meint damit das Mini-Skigebiet der Fideriser Heuberge: klein, aber fein und persönlich. Mit dem Postbus geht es in endlosen Kehren auf einem Schlittenweg nach oben. Als der Fahrer im Graben steckenbleibt, ruft er in aller Seelenruhe seinen Kollegen an, der uns mit der Seilwinde befreit. Das letzte, was bei so einer Aktion aufkommt, ist Hektik. Es wäre sehr untypisch für die Bündner. Zeit ist Geld? Hier oben sicher nicht! Am Wendepunkt für den Bus entdecken wir dann die drei Exemplare der vom Aussterben bedrohten Gattung der Bügellifte. Key-Cards sucht man vergeblich. Der sogenannte „Liftier“ versieht die Skipässe individuell mit dem Datums-Stempel und begrüßt jeden Skifahrer persönlich. Peter erzählt, dass die beiden urigen Berggasthäuser Heuberge und Arflina erst diesen Winter ans Stromnetz angeschlossen wurden. Noch vor 50 Jahren habe man Lebensmittel per Pferd in die Heuberge gebracht.

Der große Vorteil dieser Abgeschiedenheit: Die Meute fährt an den Heubergen einfach vorbei, hat nur Davos im Blick. Selbst an Wochenenden hat man die sanften Heuberge, die optimal fürs Freeriden und Tourenfahren geeignet sind, fast für sich allein. Von hier führen zum Beispiel Skitouren aufs Mattjischhorn und von dort hinunter nach Langwies. Die Heuberge verbinden somit das Prättigau und das Schanfigg. Uns interessiert natürlich vor allem die Riesenabfahrt nach Jenaz: Mit dem Bügellift geht’s hinauf zum Hinteregg und in einer guten halben Stunde mit Fellen zum Gipfel des Glattwang (2.376 m). Von hier können wir bis nach Jenaz abfahren – 1.600 Höhenmeter „First Tracks“, lässiges Tree-Skiing, keine Menschenseele weit und breit. Ein Traum!

Vor allem aber: Unseren Jazzer „Rocky“ können wir auf dem zwölf Kilometer langen Schlittenweg, dem längsten der Schweiz, zu Tale schicken. Es ist eine klassische Win-Win-Situation: Wir müssen nicht auf ihn warten, er fühlt sich nicht gehetzt von uns – und abends hat er noch Power für eine lange Jazz-Session im Sommerfeld.

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1.600 Höhenmeter „First Tracks“, lässiges Tree-Skiing, keine Menschenseele weit und breit.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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