Die Geister meines Onkels Edi und das Montafon

Beim Tourengehen im Vorarlberg stieß unser Autor Jimmy Pettersen auf die Spuren seiner Vorfahren.

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Text und Bild Jimmy Petterson

Manchmal wandle ich auf den Pfaden meiner Vorfahren. Es ist nicht besonders ungewöhnlich, dass man eine Vorliebe für Orte und Aktivitäten entwickelt, die man bereits mit seinen Eltern erleben durfte. Skifahren ist eines dieser Hobbys, welches bereits über vier Generationen hinweg in meiner Familie weitergegeben wurde. Aber es besteht dennoch ein deutlicher Unterschied, ob ich meinen Vorfahren bewusst nacheifere oder mich nur zufällig in deren Fußspuren wiederfinde. Im letzteren Fall scheint es dann, als ob mich einer meiner Vorfahren als steter Schatten begleitet und mich dann dazu antreibt, seine unerfüllten Träume zu erleben, anstatt ihm nur nachzufolgen. So oder so ähnlich war es, als mich letztes Jahr der Geist meines Onkels Edi dazu animierte, eine Skitour in Angriff zu nehmen, die ein Wendepunkt seiner eigenen Lebensgeschichte darstellte.

Die Geschichte begann mit dem Vorschlag eines Freundes, im Montafon Skifahren zu gehen. Also machte ich mich mit einigen Freunden auf die Reise nach Vorarlberg. Wir wurden von besten Wetterbedingungen empfangen, und so sprangen wir schon am ersten Tag mitten ins Skigetümmel. Unser Bergführer Marco Stampfer führte uns zunächst auf die Madrisarunde. Dank der Liftunterstützung starteten wir so weit oben wir möglich und unternahmen ein paar Abfahrten, bevor wir uns auf den einstündigen Weg rüber auf die Schweizer Seite machten.

Zerklüftete Skyline

Das Montafon ist das Schlusstal im äußeren westlichen Teil von Vorarlberg. Ich würde behaupten, es ist das steilste und wildeste Gebiet der österreichischen Alpen. Viele der Berge hier gleichen dem markanten Matterhorn, und die windumtosten Gipfel bilden eine prächtige und zugleich zerklüftete Skyline. Die Kette der höchsten Gipfel der süd-westlichen Grenze Österreichs geht hier scheinbar nahtlos in die Schweizer Alpen über. Nur ein verwittertes Schild findet sich am Bergkamm und weist den Betrachter dezent darauf hin, dass man im Begriff ist, die Staatsgrenze zu überqueren. Marko deutet auf ein Steinhäuschen, das nur noch zu Teilen aus der Fülle an Schnee hinauslugte. „Das war das alte Grenzhäuschen“ erklärt er uns. „Damals wurde viel über die Berge geschmuggelt, und so gab es hier einige Grenzposten.“ Versammelt im Windschatten des Gebäudes, erklärte uns Marko den weiteren Tagesverlauf.

„Wir werden jetzt erst mal nach St. Antönien abfahren und dort Mittagessen. Danach geht’s mit dem Taxi ins Skigebiet von Klosters, wo wir uns ein paar Abfahrten genehmigen werden, um dann schließlich auf der 45 Minuten langen Pulverschneeroute nach Gargellen zurückzukommen.“

In diesem Augenblick, als Marco uns am Grenzhäuschen den Zwischenstopp in St. Antönie schmackhaft machte, kam mir die Erkenntnis, dass ich hier eine Familienvergangenheit habe. Edi Schaar, der Bruder meiner Mutter, war ein „Wiener Jude“. Edi war im März 1938 mit einigen Freunden unterwegs auf einer Skitour. Sie stiegen vom Tal im Montafon auf, um über das Schlapinerjoch nach Klosters abzufahren. Als sie am 13. März in der Schweiz ankamen, erfuhren sie von den umstürzenden Ereignissen: Unter Hitler wurde der Anschluss Österreichs an Deutschland erklärt und die deutschen Truppen marschierten in Österreich ein.

Diese Neuigkeiten verhießen nichts Gutes für einen Juden, und so fellten sie kurzerhand wieder auf und nahmen die gleiche Route zurück. Edi war sich der möglichen Konsequenzen der Annexion bewusst und prägte sich die genaue Stelle der Grenzstation präzise ein. Diese Information könnte in Zukunft sehr wertvoll werden. Später, es war September, musste er eine Geschäftsreise in die Tschechoslowakei antreten. Danach sollte es in die Schweiz gehen, um mit einem Freund, dem späteren Nobelpreisträger Max Perutz, zum Bergsteigen zu gehen – und von dort aus direkt in die USA zu fliegen. Aber die Tschechen verweigerten Edi die Einreise, wegen der bevorstehenden Umstürze. Das veranlasste ihn, seine Reisepläne nochmal zu überdenken. „Möglicherweise hätte ich zu dieser Zeit im Grenzgebiet zwischen Österreich und Schweiz nichts zu befürchten gehabt. Schließlich hatte ich meinen Reisepass und ein Visum für die USA. Dennoch beunruhigte mich, dass schon die Reise in die Tschechei nicht mehr möglich war“, erklärte er mir damals. Also schmiedete er einen neuen Plan. Da ihm die Route in die Schweiz von seiner Skitour noch bekannt war, packte er seinen Rucksack und nahm eine Eisaxt mit. Im Schutz der Dunkelheit verließ er Gargellen und machte damit den ersten Schritt in seine neue Zukunft. Doch wegen der Grenzposten am Schlapinerjoch musste er von der alten Route abweichen. Und so stieg er über die Madrisa hinab nach Küblis in die Schweiz. „Es war gar nicht so schwierig“, erinnerte sich Edi. „Max und ich hatten drei oder vier unglaubliche Tage am Jungfraujoch. Ich hatte den Eindruck, dies werde mein letztes Erlebnis auf europäischem Boden sein.“ Glücklicherweise meinte es die Geschichte dann doch besser mit ihm. Denn nach dem Krieg konnte er immer wieder in seine geliebten Alpen zurückkehren. Aber diese Nacht-und-Nebel- Aktion, über die Berge in die Schweiz zu fliehen, war der entscheidende Wendepunkt, der es erst ermöglichte, dass er seinem Enkel diese Geschichte überhaupt erzählen konnte.

Durch die Nacht

Da er nicht direkt an dem Grenzposten vorbei kam, nahm Edi damals zwar offensichtlich nicht die gleiche Route, die wir heute abspuren, aber sein Weg durfte nicht weit von diesem Ort entfernt gewesen sein. Schließlich machten wir uns an die Abfahrt – runter in die Schweiz. Es war ein wolkenloser Sonnentag, und es gab unzählige unbefahrene Hänge feinsten Pulvers. Wir hielten uns die meiste Zeit in nördlicher Exposition auf, da wir dort den besten Schnee vorfanden. Weiter ging es mit dem Taxi nach Klosters, von wo aus wir uns in das Madrisa-Skigebiet stürzten. Wir nahmen mehrere Berge in Angriff und durften unsere Tourenausrüstung immer wieder auf’s Neue anlegen.

Schließlich schafften auch wir es, die Grenze zu erreichen und zurück nach Österreich abzufahren. Das Alpenglühen legte sich bereits über die Gipfel und es würde bald dunkel werden. So mussten wir uns durch die Nacht zurück nach Gargellen tasten, durch weichen und pulvrigen Schnee unter den Ski.

Dabei erinnerte ich mich wieder an Onkel Edi. Sicherlich hielt er es auch für notwendig, die Strecke im Schutz der Dunkelheit zu bewältigen. Das würde zu den äußeren Umständen seiner Flucht passen.

Toure de Force zum Piz Buin

An unserem zweiten Tag bot uns das Montafon eine komplett andere Erfahrung: eine wöchentlich stattfindende Skisafari. Diese beginnt am Talschluss des Montafons, im beschaulichen Partenen. Hier gibt es eine kleine Gondel, die eigentlich als Anbindung an zwei große Speicherseen dient, heute aber der Startpunkt dieser ungewöhnlichen Skisafari ist. Nach der ersten Etappe kommt eine Taxifahrt durch einen einspurigen Tunnel, die sich auch gut in einen Erlebnispark integrieren ließe. Denn unser Fahrer jagte das Taxi durch die Röhre, als wäre es ein Rettungswagen im Noteinsatz. Schließlich erreichten wir das fernab gelegene Piz Buin-Hotel. Der zugefrorene Silvrettastausee mit dem Piz Buin-Gipfel im Hintergrund war eine ergreifende Bildkomposition. Hier erschließt sich eines der ungewöhnlichsten Skigebiete der Alpen. Denn abgesehen von unserer abenteuerlichen Anreise kommt man hier nur mit Tourenski hin.

Weit oberhalb der geschlossenen Bergstraße, die nur im Sommer das Paznaun-Tal vom Montafon aus zugänglich macht, kann man hier ungestört Ski-touren oder Langlaufen genießen. Eben so, wie es zu den Anfängen des Skisports noch war. Es gibt sogar einen einsamen Schlepplift beim Hotel, so dass dies wirklich das kleinste Skigebiet der Welt sein mag.

Schließlich trafen wir am Ende der Abfahrt auf unsere Pistenraupe, die uns den Aufstieg erleichtern sollte. Mit zwei langen Seilen an ihrem Ende zog uns der Fahrer ins Skigebiet von Galtür, das im Paznaun-Tal liegt. Dort genossen wir die nächsten drei Stunden die Pisten und den Powder, während unser Blick immer wieder über den smaragdgrün glänzenden Kops-Stausee schweifte – ein weiterer Speichersee.

Gegen 14:30 Uhr nahm uns die letzte Pistenraupe mit auf einen weiteren Pass. Von hier hatten wir eine genüssliche Abfahrt und kamen nach einer engen Passage schließlich wieder zurück nach Partenen.

Pulver-Vergnügen im Montafon

In den bisherigen zwei Tagen unserer Reise ins Montafon hatten wir tatsächlich mehr von Paznaun und der benachbarten Schweiz gesehen als von unserem eigentlichen Ziel. Es war Zeit, daran etwas zu ändern. So verbrachten wir den dritten Tag unserer Reise im größten Skigebiet der Region, Silvretta Montafon. Allerdings hat uns die Sonne der letzten Tage verlassen, und eine Front hat sich über Nacht breit gemacht. Nebel und diffuses Licht machten Tiefschneeausflüge unmöglich. Doch zu unserem Glück lag auch auf den Pisten etwas frischer Schnee, und so cruisten wir durch das Skigebiet. Nach Gaschurn kann man über einige längere Skirouten abfahren, die schön und herausfordernd sind. Doch nun, nach Wochen ohne frischen Schnee, war diese Abfahrt eine reine Tortur – gespickt mit unzähligen Buckeln. Glücklicherweise kamen wir zur Mittagszeit im Tal an, denn meine Oberschenkel brannten fürchterlich und flehten mich um eine Pause an.

Tag vier und fünf zeigten sich wieder von einer ganz anderen Seite: Nach starken nächtlichen Schneefällen standen wieder Powderdays auf dem Programm. Am Berg gab es jede Menge Neuschnee, die oberen Bereiche der Skigebiete waren deswegen sogar geschlossen, aber das machte nichts: Überall fand man Powder im Überfluss. Wir konnten uns nicht mehr zurückhalten und legten vier und mehr Spuren parallel nebeneinander – eine für jede weitere Abfahrt.

Das Mittagessen wurde heute in fünf Minuten absolviert. Es gab eine Leberkäse-Semmel im Auto, während der Fahrt von Gargellen nach Tschagguns am Nachmittag. Die Hänge dort, besonders die Abfahrten am Golm, hatten eine Extraportion Schnee erwischt. Golm ist hauptsächlich ein familienfreundliches Gebiet, mit mehr blauen als roten Abfahrten. Nicht gerade die typischen Bedingungen für Backcountry-Fahrer – aber wir fühlten uns wie an einem Freerider-Hotspot.

Just zu diesem Zeitpunkt brach ein Wintersturm über die Alpen herein, wegen dem die meisten Skigebiete den Betrieb einstellen mussten und höchste Lawinengefahr herrschte. Doch uns hätte es nicht besser treffen können. Wir flitzten auf und ab und zogen unsere Schwünge in jeden Hang, den wir entdeckten. Der Nebel war zwar dicht und die Sicht noch immer schlecht, aber wir konnten uns auf unseren Guide Harry Bitschnau verlassen, in dessen Pension wir übernachteten. Es war sein Hausberg, und den ganzen Nachmittag über fanden wir uns im tiefsten Powder wieder. Aber Harry konnte uns auch einiges zur Geschichte der Region erzählen: Während wir im Lift saßen und auf die nächste Abfahrt warteten, ergab es sich, dass Onkel Edi wieder zum Thema wurde. Er war wohl nicht der einzige, der auf diesen Wegen in die Freiheit geflüchtet war. „Es gab sogar einige Talbewohner, die sich anboten, die Flüchtlinge sicher über die Berge in die Schweiz zu bringen“, erklärt uns Harry. „Die meisten hatten gute Absichten, aber einige steckten mit den Nazis unter einer Decke. Hatte man sein Geld bezahlt, konnte man sich glücklich schätzen, wenn man wirklich in der Schweiz und nicht in Auschwitz ankam. Ich bin mir sicher, dein Onkel wagte sich aus Vorsicht alleine über die Berge, um sicher zu gehen.“

Oben am Gipfel wurde unser Gespräch vom böigen Wind und Massen an Schnee erstickt. Es war ein gutes Gefühl, bei solchen Bedingungen einen ortskundigen Guide dabei zu haben. Unsere Gruppe folgte ihm voller Vertrauen, als wir eine steile Stelle unterhalb des Hüttenkopfs traversierten. Kaum hatten wir die letzten Meter geschafft, schob er seine Ski voran in den unverspurten Hang und verschwand. Mein Freund Ulf machte es ihm gleich und verschwand ebenso im Powder und Dunst, dicht von mir gefolgt. Der Schnee schien bodenlos und unendlich zu sein. Wir sahen nichts, absolut nichts. Aber es war auch nicht nötig, solange wir nur unserem Guide folgten, der uns immer wieder die Richtungen vorgab. Was für eine unbezahlbare Bereicherung, einen Guide zu haben, auf dessen Wort wir vertrauen können: keine versteckten Felsen, keine Cliffs – und erst recht keine Nazischergen im Tal.

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Die Grenze zur Schweiz.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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