Tirols neues Freeride-Eldorado

Zu Unrecht ignorieren die meisten Skitouristen auf dem Weg nach Ischgl deren Nachbarorte See und Kappl.

Letzteres steigt nun aber dick ins Freeride-Geschäft ein und will nun mehr breite Latten auf dem Berg sehen.

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Mit langen Powder-Schwüngen prägen Tobi und Matthias ihre Unterschrift in das unberührte Weiß

Text und Bild Franz Faltermaier

Einige Skifahrer haben sich am Rand der Piste buchstäblich die Stühle zurecht gerückt. Zumindest funktionierten sie Skier oder Snowboards so gut es geht zu solchen um. Alle starren gebannt in dieselbe Richtung, als fände dort ein Tennismatch statt. Zwei Athleten sind auch zu bewundern. Nur sind sie nicht mit Schlägern, sondern – wie kann es anders sein? – mit Skiern ausgestattet. Tobi und Matthias haben sich eine etwas spektakulärere Abfahrt oberhalb der Route Blanka vorgenommen. Mit langen Powder-Schwüngen prägen sie ihre Unterschrift in das unberührte Weiß. Jeder Turn wird von einer Schneefontäne unterstrichen. Das fällt auf im bisher eher Freeride-unbedarften Kappl. Daher bildete sich die kleine Menschentraube am Fuß des Faces.

Ein eisiger Springbrunnen

Die Jungs bewältigen den Run problemlos. Kurz vor Hangende stoßen sie aber auf ein Felsband von etwa zwanzig Metern Höhe. Von oben ist ein Durchkommen schwer einzusehen.

Daher gebe ich von unten Anweisungen und Tipps. Matthias fährt mit stark angewinkelten Kanten an einem kleinen Schneerücken ab. Eigentlich ist es mehr ein Rutschen. Sieht aber spektakulär aus, wie Harschstaub über den Abhang sprüht, als wäre es ein eisiger Springbrunnen. Das wird auch den Zuschauern gefallen, deren Anzahl stetig zunimmt. Das kleine Schneefeld, welches die Sonne am Fels noch unberührt ließ, ist derartig schmal, dass Spitze und Ende seiner Skier nervös im Freien zittern. Es macht fast den Eindruck, als wären sie Teil einer Waage, welche sich nicht so recht für eine Seite entscheiden kann. Dann macht Matthias kurzen Prozess: Mit einem tollkühnen Sprung spart er sich die letzten Meter und steht im Nu bei mir. Tobi folgt und alles geht gut. Nichts ist passiert. Zufrieden mit der „Show“ entschwindet unser kleines Publikum augenblicklich auf den weiten Pisten von Kappl.

Wir finden noch ein paar schöne aber etwas weniger spektakuläre Runs. Besonders hat es uns die Schattenseite vom Alblittköpfle angetan. Hier ist der höchste mit Lift erreichbare Punkt.

Mit 2.690 Metern fast schon Gletscherniveau. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir trotz der herrlich wärmenden Sonne noch Pulverschnee vorfinden. Von einigen Felsen und Wechten lässt es sich prima droppen.

Unbeflecktes Offpiste-Dorado

Leicht sind sie noch zu bestellen. Die unverspurten Felder des Paznaun.

Hat Ischgl schon ein wenig den Ruf verloren, ein unbeflecktes Offpist-Dorado zu sein – bei Kappl trifft es noch zu. Falls sich dies bald ändern sollte, hilft es immer noch, früh aufzustehen. Zumindest an Montagen. Denn da startet der Lift schon um 8 Uhr morgens. Merke: Früher Vogel fängt den Wurm. Aber was tut Kappl nun groß bezüglich der Abseitsfahrer? Da wäre zum einen der „Open Face Contest“. Dies ist einer der fünf Qualifier für die legendäre Freeride World Tour. Außerdem gibt es noch spezielle Freeridekurse der „Schischule Kappl Aktiv“. Jeden Mittwoch und Donnerstag werden Freeride-Kurse in Kleingruppen von maximal fünf Personen zwischen 13.30 und 15.30 Uhr angeboten. Anfänger kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie leicht Fortgeschrittene. Sicherheit hat natürlich oberste Priorität. Aus diesem Grund werden allen Kursteilnehmern Verschüttetensuchgeräte und Lawinenrucksäcke für die Abenteuer abseits der Pisten zur Verfügung gestellt.

Skifahrer haben hier die einmalige Gelegenheit, inmitten des atemberaubenden Offpiste-Gebiets Kappls nicht nur die richtige Fahrtechnik zu erlernen, sondern auch von einer Einschulung in den richtigen Umgang mit alpinen Gefahren, im Speziellen der Lawinengefahr, sowie die korrekte Verwendung von Verschüttetensuchgeräten zu profitieren. Nicht zu vergessen der Funpark. Für viele Skiartisten die Spielwiese zu einer erfolgreichen Freerider-Karriere.

Das eigentliche Skigebiet ist überschaubar: Zehn Liftanlagen und etwas über 40 Kilometer Pisten befördern die Skifahrer an ihre Spots. Und dann gibt es noch einige, welche bequem durch Querungen, hiken und erst recht mit Fellen erreichbar wären. Besonders hat es uns die östlich gelegene 8 Kilometer lange Lattenabfahrt angetan. Oder auch das Gegenstück im Westen. Das Gebiet der Seßladalpe. Aber dafür reicht uns heute die Zeit nicht mehr. Schließlich wollen wir noch ein Bier auf der Sunny Mountain Panoramabar zischen. Das Gasthaus macht seinem Namen Ehre. Lange sitzen wir dort und genießen die sonnige Aussicht Richtung Ischgl. Sie scheint auch noch als wir wieder losziehen.

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Tobi Geisler sauber beim exen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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