Red Mountain: Ohne Worte

Es ist ein Dilemma.

neuer_name

Fast automatisch hätten wir hier das klischeebehaftete und überstrapazierte Wort „Geheimtipp“ geschrieben. Als anspruchsvoller Autor will man das natürlich vermeiden. Doch wie soll man diesen Pisten-Powder-Catski-Traum, den das Red Mountain Resort im kanadischen British Columbia bietet, denn sonst nennen? Es ist großartig und weitgehend unentdeckt.

Es ist ein Gebiet, das jeder gesehen haben sollte, aber kaum einer kennt. Es ist paradiesisch, aber menschenleer. Kurz, es ist ein Gehei… Ach, lassen wir das. Fahrt doch einfach selber hin. Unbedingt!

Text Florian Tausch Bild Florian Tausch, Stumböck/Astl, TVB

Katzen – sagt man – schleichen auf sanften Pfoten. Doch diese ruckelt und wackelt, schaukelt und rackert sich den Berg hinauf. Kieren dreht sich zu uns um. „Der Fahrer ist erst seit zwei Tagen dabei, darum holpert es ein bisschen.“ Unsere Köpfe wippen hin und her. 45 Minuten sitzen wir in der Kabine der umgebauten Pistenraupe – im Englischen Snowcat (= Schneekatze) –, die uns in die abgelegenen Gebiete nordwestlich des Red Mountain Resorts fährt. Kieren, ein ehemaliges Mitglied des kanadischenRennteams, hat das Cat-Ski-Unternehmen „Big Red Cats“ vor acht Jahren gegründet und es zu einem der größten weltweit entwickelt. Trotzdem muss man keine Sorge haben, mit Massen an Freeridern um Powderplätze zu kämpfen. Vier Schneekatzen sind pro Tag auf einem eigens angelegten „Straßennetz“ von 220 Kilometer Länge unterwegs. Mehr als 50 Leute befinden sich also nicht in dem Gebiet, das neun Gipfel und eine Fläche von 19.300 Acres (ca. 78 km2) umfasst – mehr als doppelt so viel wie Kanadas größtes Skiresort: Whistler. „Unsere Guides brauchen fast zwei Jahre, um die wichtigsten Runs zu kennen“, erzählt Kieren. „Ich fahre hier seit Jahren jeden Tag, und es wird wohl noch ein paar weitere Jahre dauern, bis ich jede Abfahrt genommen habe.“

Die Schneekatze schnauft noch einmal, nimmt einen letzten steilen Anstieg und kommt dann zum Stehen. Einer unserer Guides öffnet die Türe – und vor uns liegt der größtmögliche Kontrast zur Enge der Kabine und zum Röhren des Motors: Still und scheinbar unberührt breitet sich weitläufig die tief verschneite Landschaft der Monashee Mountains aus, die in Kooteneys, der südöstlichsten Region des Bundesstaates British Columbia, liegen. Während die Guides das Equipment von der Raupe laden, agieren die Teilnehmer unserer Gruppe plötzlich im perfekten Gleichklang einer nie geübten Choreo-grafie: Hektisches Herausreißen der Kamera. Bilder, Bilder, Bilder. Der sagenhafte Blick links. Die Wahnsinnsaussicht rechts. Das Glitzern der Sonne über uns. Die Bäume um uns, die durch Schneemassen und Wind zu teilweise absurd geformten Skulpturen gefroren sind. Der Powder unter uns, der auf frische Spuren wartet. Powder? In etwa zeitgleich sinkt bei allen der Gedanke ins Hirn. Genau so hektisch, wie die Kamera hervorgeholt wurde, wird sie nun wieder verstaut und nach der Skiausrüstung gesucht. Die Bindungen klacken, die Helmkameras aktiviert, dann schauen alle erwartungsvoll Kieren an. Dieser schiebt sich ein paar Meter durch den fast knietiefen Schnee, bis er an einer Kante stehen bleibt. Dann erklärt er uns mit ausgestrecktem Skistock, an welchen Punkten unser erster Run entlangführen wird. Schließlich stürzt er sich mit einem Jodler hinab.

Wir hinterher, die ersten Schwünge ein vorsichtiges Tasten, dann – als klar wird, dass das Versprechen vom fluffigen Champagne-Powder nicht übertrieben war – gehen wir in die Vollen.

Für jeden etwas

Auch wenn sich unser Ausgangspunkt auf knapp 2.200 Metern befindet, bestimmen nicht sehr weite, exponierte Big-Mountain-Hänge das Terrain, denn die Baumgrenze liegt hier deutlich über der der Alpen. „Das hat auch den Vorteil, dass die Schneequalität besser ist und die Unterlage weniger von Wind und Sonne beeinflusst wird“, erklärt Kieren. Und es macht das Terrain schön abwechslungsreich. Offene Hänge wechseln sich mit weiten Lichtungen und Passagen ab, in denen man die Bäume quasi als Slalom-Stangen benutzt. Letzteres erfordert natürlich vom Fahrer gutes Können ab, doch die Sorge, mitten im Gelände und fernab jeglicher Infrastruktur an die Grenzen seiner Möglichkeiten zu stoßen, ist unbegründet – Kieren bietet Programme in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen an: Intermediate, Advanced und Expert. Wem letzteres noch zu harmlos ist und wer genug Gleichgesinnte für eine Gruppe zusammenbringt, kann sich sogar eine „Uber-Expert“-Tour auf den Leib schneidern lassen. Voraus-setzung zur Teilnahme sind auch „Legs of Steel“.

Diese haben nicht alle Teilnehmer unserer Gruppe. Und so sind wir trotz der etwa 15-minütigen Snowcat-Fahrten, die zwischen den einzelnen Runs liegen, nach acht Abfahrten auf dem Advanced-Level reif für ein Bier im Hot-Tub, das direkt hinter unserer Unterkunft im Freien liegt. Warmes, blubberndes Wasser, eine Dose Gerstensaft in der Hand und Schnee, der von oben auf uns herabrieselt – wer möchte das gegen Alpen-Après-Ski-Remmidemmi eintauschen?

Vulkanische Vergangenheit

Die Anreise zu dem kleinen Örtchen, von dem aus man zu den Big Red Cats gelangt, gestaltet sich nicht unbedingt leicht – wohl einer der Hauptgründe dafür, dass er auf der Liste der beliebtesten Skidestinationen nicht weiter oben steht. Rossland liegt ganz im Südosten von Kanadas westlichster Provinz, British Columbia. Nur 20 Kilometer sind es zur US-Grenze. Der nächste von Deutschland aus direkt angeflogene Airport, Calgary, liegt gute sieben Autostunden entfernt. Alternativ nimmt man einen Anschlussflug nach Kelowna, was nichts daran ändert, dass man noch einmal mindestens 3,5 Stunden auf der Straße unterwegs ist. Aber es lohnt sich – und nicht nur wegen des Cat-Skiings. Dieses stellt für viele Reisende zwar das „i-Tüpfelchen“ dar, doch das „i“ selber ist bereits ziemlich imposant: Das vor den Toren von Rossland gelegene Skigebiet Red Mountain genießt unter weitgereisten Ski-Freaks einen regelrechten Kultstatus. Selbst das renommierte Ski Canada Magazine hat den 3.500 Einwohner-Ort schon zur „best skitown in Canada“ gekürt. Historische Meriten mögen bei dieser Einschätzung eine Rolle spielen – bereits 1896 veranstalteten skandinavische Arbeiter der nahe gelegenen Goldminen das erste Abfahrtsrennen in Kanada, 1947 wurde in Eigenbau der erste Sessellift des Landes errichtet und 1968 das erste Weltcuprennen Kanadas abgehalten. Doch noch wichtiger sind wohl zwei Dinge: Ein Spirit, der nicht auf Trubel und Kommerz, sondern auf Sport und Natur setzt (Eigenwerbung: „Wir sind ein Ski-Berg, keine Shopping-Mall“). Und vor allem ein wirklich fantastisches und variantenreiches Skigebiet, das vor allem für Könner und Experten jede Menge zu bieten hat.

Der namensgebende Red Mountain, ein erloschener Vulkan, ist dabei der kleinere von zwei Skibergen des Resorts. Mit seinem anspruchsvollen Terrain eröffnet er vor allem Fortgeschrittenen tolle Off-Piste-Möglichkeiten. Die meisten Fahrer – auch uns – zieht es allerdings auf den Granite Mountain, der mit 2.075 Metern fast das doppelte an Höhenmetern (in Bezug auf die Talstation) und die fast vierfache befahrbare Fläche bietet.

Der Berg, der wie ein Kegel in der Landschaft steht, ist von allen Seiten zu befahren. Echter 360 Grad Skispaß also, wie ihn wohl nur wenige Skigebiete bieten. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Seiten ganz unterschiedliche Charakteristiken haben, wie mir Mike Ramsey, der uns an diesem Tag durch das Gebiet führt, erklärt: „Man kann den Berg von oben gesehen sozusagen in Viertel schneiden“, sagt er. „Den ersten Abschnitt nennen wir Paradise. Hier befinden sich die meisten Pisten und einige gute Möglichkeiten, Treeskiing zu üben.

Die Nordseite ist hingegen der schwierigste Teil, mit vielen unmarkierten Trails und weiten, offenen Becken, die perfekt für Powdertage sind. Dann kommen die Slides“, führt er weiter aus, „das sind relativ offene Lichtungen mit jeder Menge Treeski-Möglichkeiten. Schließlich kommen die Powderfields. Diese führen über Wiesen und Lichtungen – und sind perfekt für mittelgute Fahrer geeignet, die Free-ride-Erfahrungen sammeln wollen.“

Unübersichtlich ob der Möglichkeiten wird es trotzdem nicht. Denn egal, ob man die perfekt präparierten Pisten hinabschwingt oder abseits des markierten Geländes durch die Bäume wedelt – früher oder später landen alle Fahrer wieder auf Rino’s Run, einem Ziehweg, der sich einmal um den gesamten Berg schlängelt.

Mit unseren Skiguides umkurven wir den Kegel, jubeln Pisten und Hänge hinab, die sich abwechselnd in perfekt präpariertem oder wunderbar unpräpariertem Zustand befinden. Und immer wieder stoßen wir auf Highlights, seien es skifahrerische Schmankerl, unvergleichliche Ausblicke oder Kuriositäten – so wie die superkleine, windschiefe und fast komplett eingeschneite Hütte, die 1988 das Start-häuschen eines Weltcup-Rennens gewesen war und heute bewirtet wird (nur nach vorheriger Buchung).

Und auch im Skiresort kann man den Freuden des Catskiing frönen: Direkt am Pistenrand sammelt eine Schneekatze Tiefschneefreaks ein, die sich für nur 10 Dollar pro Auffahrt ins Backcountry bringen lassen – die perfekte Vorbereitung auf einen ausgiebigen Tag mit den Big Red Cats.

Das Gebiet wächst

Wer nun glaubt, diese Attraktionen würden so viele Gäste anlocken, dass es am Berg nur so vor Skifahrern wimmeln würde, der irrt. Gewaltig. Selbst an einem ausgedehnten Skitag hat man nicht das Gefühl, mehr als einer Handvoll Leute begegnet zu sein. Es ist wohl diese Etwas-ab-vom-Schuss-Lage, die den Einfall der Massen verhindert. Und so sind es vor allem Locals, die hier ihrem Hobby frönen – und mit den gerade einmal 3.500 Einwohnern in Rossland füllt man keinen Skiberg. Geschweige denn zwei. Oder vielmehr: drei. Denn ab dieser Saison wurde mit einem neuen Lift ein zusätzlicher Berg erschlossen – Mount Grey. Ebenfalls kegelförmig. Ebenfalls im 360-Grad-Modus zu befahren. Ebenfalls mit „großartigen Powder- und Treeski-Möglichkeiten“, wie mir Bergbahn-Vize Jim Greene versichert. Um fast 60 Prozent wird das ohnehin menschenleere Gebiet wachsen. „Der Umfang dieser Erweiterung bedeutet einen grundlegenden Wandel für das Red Mountain Resort und die Gemeinde von Rossland“, sagt auch Howard Katkov, President und CEO von Red Mountain. Bleibt zu hoffen, dass das Gebiet trotzdem noch lange ein, äh, Geheimtipp bleibt.

neuer_name
„Ich fahre hier seit Jahren jeden Tag, und es wird wohl noch ein paar weitere Jahre dauern, bis ich jede Abfahrt genommen habe“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

Events

27.01.2019
Nebelhorn - 22. Allgäuer Lawinentag
03.02.2019
Nebelhorn - SAAC Lawinencamp
27.03 – 31.03.2019
Kanzelwand - Telemark-Fest und Deutsche Meisterschaft