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Ötztal: Die Spur der Schafe

Wo im Sommer Tiere grasen kann man im Winter gut Powdern. Mit Tiefschnee-Weltmeister Sigi Grüner abseits der Pisten im Ötztal.

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Wo im Sommer keine Schafe sind, haben im Winter auch Skifahrer nichts zu suchen

Text Titus Arnu Bild Florian Wagner, Bergland Hotel Sölden

Der Pulverschnee liegt wie eine Daunendecke auf dem Hang.

Weiße Kristalle schweben in der Luft, die Sonne bringt die Flocken zum Glitzern. Es ist verlockend, in den steilen Hang einzufahren und mit den breiten Freeride-Ski ein paar weite Schwünge in diesen Tiefschneehang im hinteren Ötztal zu ziehen. Die Oberschenkelmuskeln zucken, die Hände klammern sich um die Stöcke, bereit zum Abstoßen. Eigentlich kann der Spaß jetzt beginnen!

„Stopp!“ ruft Sigi Grüner von etwas weiter unten, „fahr da bloß nicht rein!“ Was nach einem idealen Tiefschneehang aussieht, ist in Wirklichkeit ziemlich gefährlich. „Da hängt ein Schneebrett drin!“ sagt Grüner. Wir stehen im Weißen Kar, einem Freeridegebiet zwischen dem Panoramalift auf dem Tiefenbachferner und dem Venter Tal. Es gibt hier eine verwirrende Anzahl von Varianten, die meisten davon sind an diesem sonnigen, kalten Tag noch unberührt. Wer hier unterwegs ist, sollte sich gut auskennen – oder jemanden dabei haben wie Sigi Grüner.

Tiefschnee-Weltmeister und Schafzüchter

Der mehrmalige Tiefschnee-Weltmeister aus Sölden kennt hier jeden Stein und jedes Schneebrett persönlich. Denn erstens ist Pulverschnee sein Element, und zweitens ist er Schafzüchter. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Sigi Grüner erklärt es am Beispiel des Hangs, in den wir beinahe hinein gequert wären. „Ich weiß, wo im Sommer die Schafe grasen und wo nicht“, sagt er, und aus seinem Mund kommen dabei kleine Schäfchenwolken, „wo die Tiere stehen, bilden sich kleine Terrassen, auf denen sich der Schnee sammelt. Und wo sie nicht stehen, ist unter dem Schnee hohes, umgebogenes Gras – eine regelrechte Rutschbahn für Lawinen.“ Genau so eine instabile Gleitschicht befindet sich direkt vor uns.

8.000 Schafe weiden im Sommer im hinteren Ötztal, gut 50 davon gehören Sigi Grüner. Kaum ein Sommertourist ahnt, dass die Tiere eine große Hilfe für Freerider und Tourengeher im Winter sind – sie bereiten im wört-lichen Sinn den Boden für den Wintersport abseits der Pisten. Wo Schafe grasen, ist es auch im Winter nicht zu steil, und wo im Sommer keine Schafe sind, haben im Winter auch Skifahrer nichts zu suchen. „Das ist zwar keine Garantie gegen Lawinen, aber immerhin ein guter Anhaltspunkt“, sagt der 44-jährige Tiefschnee-Experte. Zusätzlich gilt es, Faktoren wie Temperatur, Wind, Schneebeschaffenheit und Hangneigung zu beurteilen – und selbst nach Berücksichtigung all dieser Dinge ist ein erfahrener Mann wie Sigi Grüner im Zweifelsfall lieber vorsichtig.

Man kann also kaum einen besseren Guide finden für die Tiefschnee-Gebiete im Ötztal als Sigi Grüner, denn er kann sozusagen unter den Schnee schauen. Von seinen Wanderungen mit Hotelgästen im Herbst weiß er, wo ein Hang abgerutscht ist, wo Steine und Schlamm die Grasflächen zerstört haben – alles potenzielle Gefahrenstellen im Winter. Es lohnt sich, mit ihm unterwegs zu sein, denn er weiß auch immer, wo der beste Schnee zu finden ist. Im Weißen Kar hoch über dem Venter Tal gibt er zentimetergenaue Anweisungen: „Fahr zweieinhalb Meter weiter unten in den Hang, mach einen Turn nach links, dort findest du traumhaften Pulver!“ Genauso ist es dann auch.

Weltmeister in „Powder 8“

Sigi Grüner ist zu beneiden, denn er hat es geschafft, Hobbys und Beruf optimal zu kombinieren. Im Winter ist er Tiefschnee-Guide, im Sommer Wanderführer, er züchtet Schafe und betreibt mit seiner Frau Elisabeth das Hotel Bergland in Sölden, in dem es teilweise so aussieht, als wäre es von Schafen unterwandert. Schafe sind auf Bildern zu sehen, Schafwolle findet sich in Form von Kissen, Deko-Objekten, Taschen oder Teppichen im ganzen Haus wieder, die Schaukelstühle in den Zimmern sind mit Lammfellen belegt, zum Frühstück gibt es eine große Auswahl von Schafskäse, das Fleisch der Lämmer wird am Abend im Restaurant serviert. „Die Ernährung der Tiere ist für die Qualität des Fleisches ganz entscheidend“, sagt Sigi Grüner. Deshalb treibt er seine Herde jeden Sommer persönlich in die Berge. In den Sommermonaten fressen die Schafe ausschließlich Wiesenkräuter. Im Winter füttert er die Tiere mit schmackhaftem Ötztaler Heu.

Zurück ins Weiße Kar: Sigi Grüner zeigt mit dem Stock die ideale Linie durch den Hang und fordert uns auf, ihm in zwei Meter Abstand zu folgen, etwas versetzt. Nach ein paar Metern haben wir ungefähr den gleichen Rhythmus und zeichnen Achter in den Schnee. „Zöpferl flechten“ heißt das in Österreich, „Powder 8“ auf Amerikanisch. Grüner ist fünffacher Weltmeister in dieser Disziplin. Mit seinem Partner Christoph Brugger gewann er Ende der Neunziger mehrmals hintereinander die Tiefschneemeisterschaften in Kanada, zweimal gelang ihm der Gesamtsieg in der Disziplin „Synchro Ski“. Während es bei „Powder 8“ um die perfekte Acht geht, erfordert „Synchro Ski“ komplexen Einsatz: Bei diesem Paarwettbewerb ist es das Ziel, möglichst synchron eine präparierte Strecke zu absolvieren, auf der ein Torlauf gesteckt ist, meistens ist auch ein Sprung eingebaut. Die Athleten erreichen das Ziel möglichst zeitgleich, und im besten Fall sieht das Ganze aus wie ein Schnee-Ballett.

Perfektes Zusammenspiel

Von einer weltmeisterlichen Achter-Bahn ist die Spur im Weißen Kar weit entfernt, aber um symmetrische Zöpferl hinzubekommen, braucht es jahrelange Übung. „Das Geheimnis bei den Powder 8-Championships liegt in der Intuition für deinen Partner“, sagt Sigi Grüner, der beim Tiefschnee-Duett immer der Vordermann ist. Das Duo Grüner/Brugger vertraut sich blind, beide kennen die Bewegungen des anderen. Wenn der vordere Skifahrer langsamer wird, weil eine Kuppe kommt, bremst der hintere automatisch mit. Zwölf Meter ist der optimale Abstand zwischen Vorder- und Hintermann. Wer den nicht einhält, verwandelt die Achter in lang gezogene Eier, und das gibt Punkte-Abzug von der Jury. Grüner und Brugger sind Freunde aus Kindergartentagen, sie fahren seit dem fünften Lebensjahr zusammen Ski – bis heute. Die beiden sind daheim in Sölden oft längst auf der Piste, wenn die ersten Touristen mit der Gondel ins Skigebiet kommen.

Zusammen mit Christoph Brugger hat Sigi Grüner auch die Ausbildung zum Skilehrer und Skiführer begonnen, nachdem er eine Zimmermannslehre absolviert hatte. Als Skilehrer arbeitete er in Australien, Japan, Amerika und Kanada, aber immer wieder zog es ihn zurück in die Heimat, wo er seit 1999 das Hotel Bergland zusammen mit seiner Frau Elisabeth führt, die aus der Söldener Hotel- und Bergbahndynastie Falkner stammt. Das Bergland ist zugleich eines der ältesten und auch eines der neuesten Hotels in Sölden. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet und wie viele Häuser im Zuge des Sölden-Booms immer wieder umgebaut und vergrößert. Zum Schluss stand es als monströses Doppelhaus mit 200 Betten im grässlichen Alpinbarockstil mitten im Ort. Unter dem Hotel befand sich der legendäre Ötzi-Keller, ein „schwarzes Loch, dem einst DJ Ötzi entstieg“, wie Der Standard witzelte. Der Ötzi-Keller war eine Gelddruckmaschine, 70.000 Menschen ließen es dort in der Wintersaison krachen. Trotzdem ließen die Grüners das Hotel komplett abreißen. 2010 eröffneten sie das neue Bergland, ohne Disco, dafür aber mit viel heimischer Handwerkskunst, einer lichtdurchfluteten Wellness-Abteilung im obersten Stockwerk und vielen kuscheligen Schaf-Produkten.

Tiefschnee-Alarm

Das Haus ist ein optimales Basislager für Tiefschnee-Aktivitäten. Sigi Grüner geht mit Gästen regelmäßig seiner Leidenschaft nach, dem Durchfurchen von unverspurten Hängen. Genügend Möglichkeiten bietet das hintere Ötztal dafür auf jeden Fall. Viele Freeride-Areale sind mit Liften zu erreichen, manchmal ist zusätzlich ein kurzer Aufstieg nötig. Neben den Varianten vom Tiefenbachferner in Richtung Vent gibt es eine Vielzahl von Routen, etwa am Hängenden Ferner. Alle vier Seiten des Gaislachkogels sind im Prinzip befahrbar, es gibt mehrere herausfordernde Varianten wie die große Rinne, die kleine Rinne und die „krumpe Rinne“. Wer diese beeindruckend steile und felsige Rinne erstmals absolviert hat, bekommt von Sigi feierlich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Krumpe Rinne – I made it“ überreicht.

Stammgäste können sich auf der Seite der Hotels Bergland für den „Tiefschnee-Alarm“ anmelden – sobald Sigi Grüner gute Powder-Bedingungen erwartet, bekommen Interessenten eine Nachricht auf das Smartphone oder den Computer geschickt. Nur eines hat er noch nicht geschafft: seinen geliebten Schafen das Skifahren beizubringen. Wenn Grüner nicht im Hotel oder im Tiefschnee ist, besucht er wahrscheinlich gerade die Tiere in ihrem Winterquartier.

Und abends, vom Bett aus, wirft er via Webcam noch einen letzten Kontrollblick in den Stall. Dann kann er beruhigt einschlafen, ohne Schäfchenzählen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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