Klostertal: Pilgerstätte der Powder-Profis

Das Klostertal auf der Westseite des Arlbergs macht im Vergleich zu den Ski-Epizentren St. Anton oder Lech einen verschlafenen Eindruck.

Gerade die Normalität aber zieht Freeride-Profis und ambitionierte Amateure magisch an. Zugegeben, auch die tief verschneiten Idealhänge über den steilen Waldflanken des Tales dürften dabei eine Rolle spielen.

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Text und Bild Tim Tolsdorff

Es ist Ende April und am Grund des Klostertals leuchten die Wiesen in satten Grüntönen. Am Albonagrat, auf knapp 2.400 Meter Seehöhe, regiert dagegen noch der Winter. Der Schnee in der gigantischen Nordflanke des Berges staubt auf, als ich meine Freeride-Ski in langen, schnell gezogenen Turns durch den Hang steuere. Die Albona Nord erstreckt sich über die Breite mehrerer Fußballfelder und zieht sich über rund 1.000 Höhenmeter bis nach Stuben hinab. Ich frohlocke angesichts des Gefühls, wie auf Watte talwärts zu gleiten. Plötzlich schießen zwei Freerider im Renntempo an mir vorbei. Die bunten, weiten Hosen auf Halbmast, an den Füßen Bretter mit den Ausmaßen von Wasserskiern, jagen die Burschen den Berg mit einer Kompromisslosigkeit hinab, die dem jungen Hermann Maier Ehre machen würde. Wellen im Gelände nutzen sie als Startrampen für meterweite Sprünge. Nach wenigen Augenblicken ist der Spuk vorbei: So überraschend, wie sie die alpine Bühne betreten haben, verschwinden die Cracks in den Schneisen am Fuß der Albona. Szenen wie diese sind an den Hängen des Klostertals keine Seltenheit. Gelegen auf der Westseite des Arlbergs zwischen 800 und 1.400 Metern, hat sich das Tal zwischen dem Lechquellengebirge im Norden und der Verwallgruppe im Süden in den vergangenen Jahren zur Pilgerstätte für Freeride-Cracks aus aller Welt gemausert. Am oberen Ende des Klostertals, zu Füßen der Albona, kauert das Dorf Stuben. Im Ortszentrum liegt das Hotel Post, dessen große Sonnenterrasse ein Treffpunkt für Tiefschnee-Liebhaber aus Nah und Fern ist. „Bei uns steigen ausschließlich Skifahrer ab, das Publikum ist sportlich“, sagt der Chef Thomas Brändle. Sein Großvater zog 1926 ins Tal und gab 30 Jahre später den Anstoß zum Bau der Albonabahn.

Von der Bergstation führen traumhafte Abfahrten in alle Himmelsrichtungen zu Tal. Wer Zeit hat, schlägt die südliche Route über die Milchböden zum Rasthaus Verwall ein – ein Klassiker. Von der Wirtschaft gelangt man mit dem Taxi nach St. Anton und kann auf dem Rückweg die Scharten am Schindlergrat oder – in Begleitung eines Bergführers – die Hänge an der 2.811 Meter hohen Valluga erkunden. Wer von der Albona nicht auf der Nord-Direttissima zurück ins Klostertal möchte, kann entweder die 300 Höhenmeter auf die benachbarte Maroispitze aufsteigen oder direkt unterhalb des Maroijochs westwärts queren, um über tief verschneite Almen und Forstwege nach Langen abzufahren. Ein Wermutstropfen: Die drei Sesselbahnen auf die Albona sind hoffnungslos veraltet. Abhilfe soll ein Großprojekt schaffen, das schon lange in den Schubladen der Arlbergmächtigen schlummert und in den kommenden Jahren endlich verwirklicht werden soll: die Liftverbindung zwischen Zürs und der Alpe Rauz. Eine Verlängerung der geplanten Gondelbahn soll dann direkt bis auf den Gipfel der Albona führen. „Damit rücken wir Stubener in die Mitte des Arlbergs“, sagt Thomas Brändle.

Heimatort der Weltmeisterin

Mit etwas Glück trifft man im Hotel Post auch die derzeit berühmteste Einheimische: Nadine Wallner aus Klösterle gewann im vergangenen Frühjahr die Gesamtwertung der Freeride-World Tour (siehe großes Interview). Bei Schlechtwetter schaut die 23-jährige gerne in der Lobby vorbei und hält beim Milchkaffee ein Schwätzchen mit Bekannten. „Ich finde es nicht schlecht, dass wir die ruhigere Seite vom Arlberg sind“, sagt sie. „Wenn man auf St. Anton rüberschaut, dann weiß ich nicht, ob ich da wohnen wollte.“ Was das Skifahren angeht, so stehen der sympathischen Sportlerin seit ihrem Triumph viele Türen offen. Im August zog sie erstmals in Neuseeland ihre Spuren durch den Schnee. Trotzdem schätzt sie das Ge-lände im Klostertal. „Es ist sehr familiär und verspielt, und du kannst von Waldabfahrten über die Skitour bis zu steilen Sachen alles fahren, wenn du dich auskennst“, meint Wallner. „Stuben und der Sonnenkopf sind Gebiete, die nebenbei liegen, aber großes Potenzial haben.“

Die Fahrt vom touristisch geprägten Stuben hinab nach Klösterle und Dalaas, in die Hauptorte des Klostertals, gerät zur Reise in eine von bürgerlicher Normalität geprägte Welt. Zwar stehen auch hier unten Hotels, werben Schilder am Straßenrand für Ferienwohnungen – nicht selten aber signalisieren grüne Schilder auch in der Hochsaison, dass Vakanzen bestehen. Es ist diese kleine und beschauliche Welt, in der Nadine Wallner als Tochter eines Bergführers aufwuchs. Wohl alle 681 Einwohner des Dorfes kamen zum Empfang für die Sportlerin, nachdem sie den besten Freeriderinnen weltweit die Skienden gezeigt hatte.

Erst um die Jahrtausendwende erwachten die Dörfer im Klostertal aus einem touristischen Dornröschenschlaf, in den sie vor mehr als dreißig Jahren der Bau des Arlbergtunnels versetzt hatte. Davor sorgten die winterlichen Wetter-kapriolen über dem Arlbergmassiv dafür, dass die Orte im Tal eine sichere wirtschaftliche Basis hatten: den Transitverkehr. Seit Menschengedenken waren das Klostertal und der Arlbergpass die wichtigste Verbindung zwischen dem Rhein und der Hauptverkehrsader Tirols, dem Tal des Inn. Musste der 1.793 Meter hohe Pass wegen schlechter Witterung gesperrt werden, warteten die Händler und später die Urlauber im Klostertal auf die Räumung der Passage – ein gutes Geschäft für Hotels und Gaststätten.

1974 versiegte mit der Eröffnung des siebzehn Kilometer langen Arlbergtunnels diese Einnahmequelle von einem Tag auf den anderen. Viele Klostertaler waren gezwungen, ihren Betrieb aufzugeben. Die Jungen zogen weg, Hotelgebäude verwaisten. Die Spuren des wirtschaftlichen Niedergangs kann man bis heute in Klösterle sehen, etwa in Form leerstehender Gebäude entlang der früheren Durchgangsstraße. Viele marode Häuser hat man aber inzwischen abgerissen, denn das Tal erlebt eine touristische Renaissance, die es nicht zuletzt deutschen Skireiseveranstaltern verdankt. Sie haben erkannt, dass die Nähe zum Skigroßraum Arlberg, ein günstiges Preisniveau und die Wintersportmöglichkeiten das Klostertal zum idealen Ziel für ein sportliches Publikum machen.

Zu diesem Publikum zählen auch Skibums wie der Argentinier Juan Bergada, der sich regelmäßig über die haushohen Kliffs im Verwall schießt und über den Wallner sagt: „Der hat einen Spirit, da dreht‘s dich weg!“ Ein Globetrotter in Sachen Pulverschnee ist auch der Snowboarder Irian van Helfteren, der erst 2003 aufs Brett stieg, 2010 seinen ersten Big Mountain-Contest gewann und 2013 auf der World Tour antrat. „Man erreicht im Klostertal sehr schnell viele Varianten und das Publikum ist relaxed. Die Mischung zwischen Einwohnern und Touristen stimmt“, sagt der sympathische Niederländer. Auch die Finanzen spielten bei seiner Entscheidung eine Rolle, sich in Klösterle niederzulassen. „In St. Anton müssen alle viel Geld verdienen, um über die Runden zu kommen“, meint Irian.

Einzigartige Schneesicherheit

Der Hausberg des Klostertales ist der Sonnenkopf. Seine gut 30 Pistenkilometer und die auf 2.300 Metern Seehöhe gelegene Bergstation sind keine Marken, die Kilometerfresser beeindrucken. Doch der Sonnenkopf hat andere Qualitäten. Da wäre zunächst einmal die einzig-artige Schneesicherheit zu nennen. Bis heute findet sich im gesamten Skigebiet keine einzige Schneekanone – trotzdem kann man meist bis Ende April die Talabfahrt bis auf knapp 1.000 Meter Seehöhe unter die Latten nehmen. Verantwortlich dafür ist einerseits die nordseitige Ausrichtung des Gebietes. Andererseits laden die vom Atlantik heranziehenden Tiefdruckgebiete Winter für Winter gigantische Schneemengen über dem Bergmassiv ab. „Nordweststaulage“ nennt man die für den westlichen Arlberg charakteristische Wetterkonstellation, die das weiße Gold manchmal meterweise auf die Berge zaubert und die verwöhnten Ortsansässigen bei mageren Schneefällen verächtlich vom „Zillertal-Schnee“ sprechen lässt.

Perfekt eignet sich der Sonnenkopf für Ausflüge ins Gelände. Von der Bergstation am Glattingrat führen kurze Traversen zu Steilrinnen und Tiefschneerampen, die oftmals auch Tage nach dem letzten Schneefall noch unverspurt sind. Schlangen an den mitunter etwas klapprigen Liften sind eine Seltenheit, der lichte Baumbestand lässt auch bei schlechtem Wetter eine gute Orientierung zu. Neben den einfach zu erreichenden Varianten fungiert der Sonnenkopf aber auch als Drehscheibe für anspruchsvollere Touren. Zu nennen sind dabei vor allem die hochalpine Abfahrt durch das Nenziggasttal nach Klösterle oder – in Richtung Westen – die Route durch das Silbertal ins Montafon.

Einen, der sich an den Hängen des Klostertals bestens auskennt, trifft man meist in seiner Werkstatt in Wald. Andi Heimpel stammt aus dem Allgäu und hat sich mit seiner „Skibase“ als erster Ansprechpartner für die deutschen Reiseveranstalter im Tal in Sachen Skiverleih und -präparation etabliert.

Mehrere Jahre seines Lebens hat er mit der Suche nach dem besten Pulverschnee verbracht und dabei fast alle Freeride-Reviere der Alpen besucht. Trotzdem ist der gebürtige Allgäuer immer wieder ins Klostertal zurückgekehrt. Mit Frau und zwei Kindern wohnt er über seinen Werkstatträumen, wo sich dutzende von Skiern stapeln und es wohlig nach Heißwachs duftet. Wann immer es geht, zieht es Heimpel auf die Hänge seiner Wahlheimat.

Dass dafür in Zukunft wohl noch weniger Zeit bleiben wird, ist seinem neuesten Projekt geschuldet: Gemeinsam mit Willi Mathies, dem Leiter der Skischule in Stuben, baut Andi die Marke „Stuben Guides“ auf. Die Männer bieten maßgeschneiderte Freeride-Camps und Lawinenseminare an, mittelfristig sollen Touren-Safaris im ganzen Arlberg-Gebiet hinzukommen. Vermarktet werden soll das Ganze über das Internet, zusätzlich spricht man die Gäste der deutschen Reiseveranstalter an. „Das sind für uns natürlich potenzielle Kunden. Die Gemeinden unten im Tal haben durch die deutschen Gäste bereits eindeutig gewonnen“, sagt Mathies. Er verfügt über die Bergführer, Andi über das Material und die Kontakte zu den deutschen Gästen. Der Ur-Stubener und der Zugezogene beschreiben ihre Kooperation als Win-Win-Situation.

„Es gab auch andere Zeiten, als die Zusammenarbeit nicht so da war“, so Heimpel, der das Joint Venture auch als Beleg dafür sieht, dass die Atmosphäre im Tal weltoffener geworden ist.

Beste Voraussetzungen also, dass sich die Hänge über dem Klostertal auch in Zukunft der Aufmerksamkeit von Pulverschnee-Puristen aus aller Welt erfreuen werden.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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