Aspen on a Budget

Colorados berühmtestes Ski-Dorf ist ein Hot-Spot der Reichen und Schönen.

neuer_name

Wer’s geschickt anstellt, kann hier aber auch mit wenig Geld viel Spaß abseits der Pisten und im Backcountry haben: Man muss nur die vielen Ski-Bums ausfragen, die hier jobben …

Text Günter Kast Bild TVB

Schade eigentlich: Israels Topmodel Bar Refaeli, die in Aspen eine Villa besitzt, ist gerade „out of town“. Und für den 25.000-Dollar-Skipass, der schon gilt, bevor die Lifte zum Saisonbeginn offiziell öffnen, sind wir auch zu spät dran. Na ja, macht nichts. Guide Steve hat uns ein anderes exklusives Abenteuer versprochen: Am Abend soll er die 23-jährige Tochter eines Öl-Barons aus Denver zu einer einsamen Hütte im Backcountry von Aspen bringen, wo drei ihrer etwa gleichaltrigen Freundinnen warten – mit viel Rotwein, aber wenig Ahnung von Lawinen.

Während wir mit der Gondel dem Aspen Mountain, einem der vier Skigebiete von Aspen-Snowmass entgegenschweben, zeigt mir Steve auf seinem Smartphone Fotos der Girls. Sieht alles sehr viel-versprechend aus. Was uns nicht gefällt, ist der Blick aus der Seilbahn: Binnen Sekunden zieht ein Sturm auf, der sich gewaschen hat. Totaler White-Out. Mit einem Ruck bleibt die Gondel stehen. Die New Yorkerin, die uns gegenüber sitzt, blickt ziemlich angsterfüllt aus ihrem mit Edelsteinen besetzten Helm. Steve stellt sich ihr vor und meint, das sei nur höflich, keinesfalls aufdringlich gemeint, weil wir vielleicht die ganze Nacht in der Gondel verbringen müssten. Sie reißt jetzt die Augen noch weiter auf und lächelt gequält.

Erst nach einer knappen Stunde Stop-and-Go erreichen wir die Bergstation. Ans Freeriden ist bei den Bedingungen nicht zu denken. Und an die Tour mit den Chicks auch nicht. Steve sagt den Mädels ab und wir tasten uns im dichten Schneetreiben nach unten. Gute Laune haben wir trotzdem, denn die Schneemaschine arbeitet weiter auf Hochtouren und am nächsten Tag schon sollen die Wolken aufreißen. Wir wissen unser Glück sehr zu schätzen, denn mit 300 Sonnentagen im Jahr hat Aspen fast schon ein Halbwüsten-Klima, mit wesentlich weniger Schneefall als im Nordstau der Alpen. Morgen Kinder, wird’s was geben …

Der wandelnde Ski-Atlas

Steve steuert zielsicher auf das Pub der Aspen Brewery zu, einem der Lieblings-Hang-Outs der vielen Ski-Bums, die hier den Winter verbringen. Auf dem Weg zu der Après-Bar begegnen uns gestylte Pärchen im Cowboy-Outfit und abgemagerte Lagerfeld-Models im Pelzmantel beim Shopping und Tütenschleppen. Die „Snowciety“ zieht es in die Bars der Luxus-Hotels wie The Little Nell, wo Jennifer Lopez gerne Weihnachten feiert. In der Aspen Brewery würde sich „Jenny from the Block“ nicht unbedingt wohlfühlen. Es riecht ein bisschen muffig, nach nassem Hund, nach nassen Skifahrern.

Steve hat nicht zu viel versprochen. Die Bums in der Brewery sind ein wandelnder Ski-Atlas. Beim bereits dritten Indian Pale Ale diskutieren Stacy, Rick und Matt, welche Runs sie morgen unter die Latten nehmen wollen. Sie haben kein Geld, schlafen bei Minusgraden in Hundehütten und Wohnmobilen, duschen bei Freunden. Oder sie sind „Couch Surfer“: Leute, die sich ohne feste Wohnung durchschlagen und von Sofa zu Sofa ziehen. Sie jobben mal hier, mal da. Haben sogar Pulverschnee-Paragraphen in ihren Arbeitsverträgen: Bei Neuschnee müssen sie nicht auf der Matte stehen. Maggie hat sich eine andere Strategie zurechtgelegt: Um den Tag ganz fürs Skifahren zu haben, geht sie früh-morgens Putzen, abends bedient sie in einem Restaurant. Sie müsse jetzt gleich los, sagt sie: „See you tomorrow.“

Stacy erzählt, dass manche der Villenbesitzer, bei denen sie babysittet, sie mit Skipässen bezahlen. Krankenversicherung hat sie keine, Essen bekommt sie manchmal in der Arbeit. Wie viele andere Bums lebt Stacy ganz bewusst so. „In Aspen gibt es sogar Pistenraupenfahrer und Lift-Boys mit Doktortitel“, erzählt Steve: „Viele kommen zwischen High-School und College hierher, wollen eine Saison Spaß haben, werden süchtig nach Skifahren und Freiheit – und sind 15 Jahre später immer noch Ski Bums.“

Steve weiß das selbst am besten. In einem früheren Leben war er mal Pressefotograf im Weißen Haus und lebte im hektischen Washington, D.C. Er war Mr. Wichtig, verdiente ordentlich Kohle, hatte eine coole Wohnung. „Alles Mist, alles unwichtig!“ Jetzt ist er im Winter Skilehrer, im Sommer Bergführer. Er hängt mit verrückten Typen ab, die ihre Haare mit einem Waschbärenschwanz verflochten haben. Oder die stets mit einem ihrer sieben Paar Skier schlafen, während der Hund – und am liebsten auch die Freundin – auf dem Bettvorleger bleiben muss. Einige wenige Asketen sind darunter, aber die meisten sind einfach nur skisüchtig und wollen möglichst viel Spaß haben. Sie diskutieren sich die Köpfe heiß: Welche Line fahren wir morgen wann und wo? Wo kann man „wildern“, also auf abgesperrten Hängen fahren, ohne von der Snow Patrol erwischt zu werden? Wo gibt’s die beste Happy Hour? Wo die günstigsten Tapas? Wer mit kleinem Geldbeutel in Aspen aufschlägt, tut gut daran, sich an die Bums zu halten und ihnen einige Biere zu spendieren.

Geheimtipp-Reserve

Steve weiß längst, wo er morgen hin will. Bei Neuschnee spreche nichts dagegen, dorthin zu gehen, wo alle hin pilgern. Die Geheimtipps könnten warten, bis frischer Powder Mangelware wird. Am nächsten Morgen stellen wir uns mental darauf ein, dass es an der Talstation von Aspen Highlands zugeht, als ob es der erste und gleichzeitig der letzte Tag der Saison ist. Doch Fehlanzeige. Aspen liegt nicht wie andere Skigebiete in Colorado im Einzugsgebiet von Denver. Wegen der abgelegenen Location gibt es kaum Tagestouristen, kein Gedränge, keine Hektik. Auf jedem Hektar des Skigebietes tummeln sich nur neun Skifahrer. Außerdem helfen uns nicht grantige „Bügelkönige“ in den Lift, sondern freundlich lächelnde Mädchen: „Hi, genießt einen wundervollen Tag!“ Ich frage Steve, ob die das ernst meinen, oder eher auf Drogen sind. Steve meint: „Hey, Du bist hier in Amerika. Wir sind ein freundliches Volk.“ Dann erzählt er, dass er fünf Jahre mit einer Schwäbin aus Stuttgart verheiratet war. Im Ernst.

25 Zentimeter Neuschnee sind oben am Berg über Nacht gefallen. Einen „Ten-Inch-Day“ nennen das die Locals. Ich bin trotzdem skeptisch, denn die Highlands bestehen nur aus einer Handvoll Liften. Zum Warm-Up nehmen wir uns die unpräparierten Routen vor, die in die Olympic Bowl hinunter führen. Es staubt und stiebt nur so. Und der Himmel ist strahlend blau. Endlich weiß ich wieder, warum ich die unsägliche Prozedur an der US-Immigration über mich ergehen lasse, die einem das Skifahren in den USA so sehr vermiesen kann.

Inzwischen stapfen wir einem absoluten Freeride-Highlight entgegen: der Highland Bowl, einem riesigen Kessel mit jeder Menge steiler Runs. Der Schnee in der Bowl wird zum Saisonbeginn von vielen freiwilligen Helfern, die sich auf diese Weise einen Skipass verdienen, plattgetreten, um die Lawinengefahr zu minimieren. Selbst nach größeren Neuschneemengen ist das Risiko deshalb überschaubar. Allerdings muss man sich die Bowl mit einem halbstündigen Hike erarbeiten. Das klingt nach Pustekuchen, ist auf 3.500 Metern über dem Meer aber doch anstrengend, wenn man schlecht akklimatisiert hier ankommt. Oben treffen wir Stacy, Rick und Matt wieder. Sie bereiten sich bereits auf den dritten Run vor, haben sich morgens um sieben Uhr von einem Pistenraupenfahrer mitnehmen lassen. Mit einem Freuden-gebrüll, das auch von den früher hier siedelnden Ute-Indianern stammen könnte, stürzen wir uns in die 40-Grad-Flanke.

Ab ins Backcountry

So allmählich kapiere ich, warum die Amis mit Begriffen wie „Off-Piste“ und „Free-Ride“ so wenig anfangen können. Die Größe eines Skigebietes wird in Hektar gemessen, nicht in Pistenkilometern. Innerhalb des Resorts sind die Leute der Snow Patrol für die Sicherheit verantwortlich – auch auf den nicht präparierten Runs, die bis zur Hälfte aller Abfahrten ausmachen. Hier durch den Wald zu cruisen, ist völlig okay. Der Spaß hört allerdings an der „Ski Area Boundary“ auf. Hier beginnt das, was die Amerikaner „Backcountry“ nennen. Und hier kann es passieren, dass man nicht nur keine Hilfe erwarten darf, sondern das Gebiet generell gesperrt ist. Das sollte man dann auch respektieren. Denn erstens gibt es in der „Area“ genug Optionen. Und zweitens ist der Schneedeckenaufbau, der „Snowpack“ in den trockenen, hochgelegenen Colorado Rockies meist delikater als in den Alpen.

Am nächsten Morgen lässt es Steve im Skigebiet von Snowmass erst einmal locker angehen. Er führt uns zu einigen der im Wald versteckten Schreine, die Fans für die großen Legenden Hollywoods, berühmte Musiker und Bands, aber auch Local Heroes an den Bäumen errichtet haben. Seit mehr als 20 Jahren werden die Aspen-Trees mit Bändern, Fotos, Plaketten, CDs, Skiern, Gitarren und sonstigen Erinnerungsstücken geschmückt. Der erste Schrein wurde dem King of Rock ’n’ Roll gewidmet. Inzwischen sind es fast 60, von Jimi Hendrix bis John Denver, von Marilyn Monroe bis Michael Jackson. Sogar einen Mountainbike-, einen 9/11- und einen Snoopy-Schrein gibt es. Nach dem Sightseeing by Ski will uns Steve endlich das große Freeride-Potenzial von Snowmass zeigen. Mit dem klapprigen, eiskalten und bügellosen Zweiersessel High Alpine geht’s hinauf. Eine kurze Querung mit geschulterten Skiern bringt uns zur steilen Einfahrt in die Hanging Valley Wall. Nach einigen vorsichtigen Schwüngen fühlen wir uns pudelwohl in der weitläufigen Bowl und wundern uns, dass wir hier auch am Tag Zwei nach dem fetten Schneefall noch jungfräuliches Terrain finden. Ebenso ergeht es uns in den Burnt Mountain Glades, der jüngsten Erweiterung des Skigebietes. Der 1.000-Höhenmeter-Run „Long Shot“ ist zwar schon ausgefahren, aber weiter links, in den Runs „Rio“ und „A-Line“, finden wir im lichten Wald eine noch fast völlig unberührte Spielwiese. Steve weiß, warum er uns hierher gelotst hat: „Das Gebiet kennen die wenigsten!“

Als wir in Snowmass Village zum Après in der „New Belgium Ranger Station“ einlaufen, ist es noch früh am Nachmittag. Eigentlich noch zu früh, um schon die Beine hochzulegen. Steve fällt ein, dass wir ja noch einen Auftrag zu erfüllen haben. Er wählt die Nummer der hübschen Ölbaron-Tochter, der wir vor drei Tagen einen Korb gegeben haben. Sie liege gerade im Hot Tub, aber in einer halben Stunde könne sie startklar sein. Kurz vor Sonnenuntergang spuren wir zu dritt mit den Tourenskiern los. Einer Hütte im Backcountry entgegen, auf der drei ziemlich verzweifelte Mädchen, die sich wegen des Neuschnees nicht vor die Tür gewagt haben, auf unsere selbstlose Hilfe warten. Steve grinst nur und meint: „Ich weiß schon ziemlich genau, warum ich Washington den Rücken gekehrt habe.“

neuer_name
Neu in dieser Saison Von der Spitze der Highland Bowl gibt es zwei neue – ehemals gesperrte – Abfahrten durch unberührtes Tiefschnee-Terrain: „Lucky Find Glades“ und „Mystery Gully“ erweitern das Powder-Areal der Highland Bowl um rund acht Hektar.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …