Ride Free

Die „Swatch Freeride World Tour by The North Face“ vereinte im letzten Winter die bis dato auf verschiedenen Kontinenten bestehenden drei Touren.

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Erstmals traten also die besten Freerider der Welt in der gleichen Wettkampf-Serie an – und so wurden die ersten anerkannten Freeride Weltmeister gekürt. Was hat sich dadurch verändert? Bedeutet mehr Challenge und verstärkte Professionalität weniger „ride free“? Vier Teilnehmer aus Österreich und Deutschland geben einen Blick hinter die Kulissen.

Text Eliane Drömer

Was hat sich durch die Fusion der drei Serien verändert?

Stefan Häusl In erster Linie waren mehr Rider am Start. Als letzter Fahrer kannst Du dann manche Linien schon abhaken. Das hat uns hin und wieder Kopfzerbrechen gemacht. In Revelstoke wurde ich während der Fahrt überrascht: Ich kam zu dieser speziellen Stelle und da war kein Schnee mehr. Also musst ich einfach versuchen, über Felsen zu fahren. Ging nicht so gut. Im Winter 13/14 Jahr wird es besser, denn das Starterfeld bekam einen aggressiven Cut. Im Großen und Ganzen war es jedoch sehr gut, so viele kanadische und US-Boys am Start zu haben.

Sebastian Hannemann Einerseits ist der Sport natürlich viel transparenter geworden. Jetzt gibt es einen Weltmeister und eine Contestserie und nicht wie z. B. im Boxen viele verschiedene Verbände und Titel. Andererseits ist natürlich auch das Level viel höher geworden.

Flo Orley Auf der Tour herrschte diesen Winter eine echt tolle Stimmung! Mehr Riders bedeuteten einfach auch mehr Internationalität und mehr gute Vibes am Berg und im Tal. Dazu haben wir auch gemerkt, dass die Glaubwürdigkeit von der Tour bei den Zuschauern gestiegen ist.

Aline Bock Der Schritt ist in meinen Augen für alle Beteiligten eine logische und sehr positive Entwicklung. Der Zusammenschluss bietet tolle Chancen für die Fahrer. Es gibt zwar mehr Konkurrenz, aber dass am Ende der Saison nur ein „wahrer“ Weltmeister und eine „wahre“ Weltmeisterin in jeder Disziplin gekürt werden, macht die Sache für alle, auch für die Medien und die Zuschauer, einfacher.

Siehst Du den Geist des Freeriding durch die zunehmende Professionalisierung bei Wettkämpfen und Filmdrehs gefährdet?

Stefan Häusl Nein. Wir alle wissen, dass das Contestfahren ein spannendes Spiel ist, in dem der Beste an diesem Tag bei diesen Bedingungen gewinnt. Ebenso kannst Du mit einer „Mega“-Fahrt manchmal Dritter sein und manchmal gewinnen.

Es ist ein Sport mit Punkten, und da kann es auch mal unterschiedliche Meinungen geben. Ich glaube, man muss richtig trainieren, um bei den Besten dabei sein zu können und kann nicht mehr nur mit Reden überzeugen, wie noch vor zehn Jahren.

Sebastian Hannemann Natürlich lässt sich der Freeridingspirit nie hundertprozentig in eine Wettkampfform umsetzen, aber wenn man sich auf Contestebene mit anderen messen will, ist die FWT die beste Plattform dazu. Auch bei Filmdrehs lässt sich der ursprünglich Gedanke des Freeriding nicht komplett realisieren, da man oft warten muss, bis Filmer oder Fotografen ready sind. Aber wenn man im Nachhinein das Ergebnis sieht, ist das ein guter Kompromiss.

Flo Orley Einfach ausgedrückt: Ja. Viele junge Rider gehen viel professioneller an ihre Karriereplanung und die Wettkämpfe heran als früher. Und bei manchen sieht man schon den Druck, den sie sich selbst auferlegen. Allerdings muss ein Rider auch Freerider von Herzen sein, um überhaupt den langen Weg bis zur Teilnahme an der Freeride World Tour zu bestreiten.

Welche Chancen ergeben sich durch die Professionalisierung?

Stefan Häusl Man bekommt die Möglichkeit, super Berge in sicheren Verhältnissen zu fahren. Für mich ist es immer wieder eine Ehre, den Bec de Rosses in Verbier unter Wettkampf-Bedingungen erleben zu dürfen. Ich würde zum Spaß nie meine Linie so fahren, wie ich sie beim Contest fahre. Denn an diesem Tag X hast Du Dich so gut vorbereitet, die Konzentration ist am Höhepunkt, die mentale Stimmung passt, nur dann kann man da so runter fahren … und im Ziel kommt die große Erlösung. Und natürlich kann man den Sport professioneller ausüben, wenn mehr Anerkennung und Unterstützung von außen kommt.

Sebastian Hannemann Für manche ergibt sich die Möglichkeit, das Hobby zum Beruf zu machen. Das ist dann nicht immer nur Spaß, aber der ganze Wettkampf-, Film- und Fotobereich ist ein guter Kompromiss!

Flo Orley Durch die höhere Dichte an der Spitze wird das Judging schwieriger. Aber Freeriden bekommt durch die Professionalisierung und bessere Medialisierung einen immer höheren Stellenwert in der Sportmedienlandschaft und bei den Konsumenten – was wiederum den Ridern und Eventveranstaltern hilft, Sponsoren zu finden und ihre Sache noch besser zu machen, womit sich die Spirale nach oben weiterdreht.

Aline Bock Speziell für uns Snowboarderinnen erwarte ich einen Sprung beim fahrerischen Niveau und dafür auch mehr Medienaufmerksamkeit für die weiblichen Teilnehmerinnen. Bisher war es doch sehr schwierig, nicht im Schatten der Herren zu stehen. Die Zeiten, als wir Damen nicht mit den Herren zusammen an den Start gingen, sind zum Glück vorbei. Und somit hoffe ich, dass sich in den kommenden Jahren bei den Damen einiges zum Positiven ändern wird, was Kommunikation und auch Preisgelder angeht.

Freeriding und Olympia – passt das?

Stefan Häusl Noch nicht. Punkt eins: Nicht immer gibt es bei jeder Location von Olympia auch den richtigen „big mountain“ für einen Contest neben den Wettkampfstätten. Dann fangen die Jungs von Olympia an, einen Berg zu bauen und Plastik-Cliffs reinzustellen. Darauf wird noch die Höhe des Cliffs geschrieben und derjenige der einen „double full full“ runter macht, gewinnt … Spaß beiseite, nur so ein Szenario. Punkt zwei: Müssen wir? Ich glaube es ist sehr viel Berg und Natur in unserem Sport, ich bin der Meinung, es soll auch so bleiben!

Sebastian Hannemann Das ist ein schwieriges Thema. Irgendwie würde es schon passen. Freeriding ist ein aufstrebender Sport, sehr spektakulär und definitiv medientauglich. Aber für uns einen adäquaten Hang am Olympiaort zu finden, wäre nicht immer einfach. Zudem werden unsere Wettkämpfe sehr oft verschoben, da wir auf optimale Schnee- und Wetterverhältnisse angewiesen sind. Das lässt sich mit einem straffen Olympia-Zeitplan nicht unbedingt vereinbaren.

Flo Orley Es wird der Tag kommen, an dem Freeriden olympisch sein wird.

Ich werde diesem Event aber dann weder als Athlet noch als Trainer oder Funktionär beiwohnen und es mir auch sicher nicht im TV anschauen. Warum? Weil die Regeln, die beachtet werden müssen, damit ein Sport olympisch sein darf, zu viele Kompromisse bedeuten, die uns alle ganz weit weg vom Spirit des Freeridens bringen. Aber wenn der Freeridespirit der jetzigen World Tour seinen Geist bei Olympia aushaucht, dann schafft das vielleicht wieder Platz für eine neue Form von Freerideevents.

Aline Bock Es gibt Wettkampffahrer, die sicherlich nichts dagegen hätten, bei Olympia teilzu-nehmen, da es einfach das weltweit größte Sportspektakel ist. Aber Freeriden ist für sehr viele eine Disziplin, die sich jenseits des Massensports bewegt. Noch ist die Szene relativ überschaubar und für viele auch ein Lebensstil. Ich hoffe, dass der freie Geist der Freerider daher noch lange erhalten bleibt. Jedoch hat mir der Wettkampfzirkus in den letzten Jahren ebenfalls unglaublich viel Spaß gemacht. Würde die Entscheidung also in nächster Zeit fallen, würde ich sicherlich über eine Olympiateilnahme nachdenken.

Blick in die Zukunft für Dich persönlich: Mehr „Free Ride“, mehr Film oder mehr Challenge?

Stefan Häusl Filmen macht mir sehr viel Spaß. Ich kann dort genau das fahren, was ich will. Bei Contests bekomme ich manchmal Berge vorgegeben, die zu meinem Stil nicht so passen, aber wenn ich dann in Verbier oder Fieberbrunn fahre, macht es wieder sehr, sehr viel Spaß. Sport ist immer wie eine Achterbahn. Manchmal ist es toll und manchmal zipft es einen richtig an. Beim Filmen ist diese Kurve oft ein bisschen flacher. Aber ich habe schon als Kind ein Wettkampf-Gen bekommen. Also, ich fahre wieder beides.

Sebastian Hannemann Das werde ich von Jahr zu Jahr entscheiden. Ich fahre nun seit vier Jahren auf der FWT, davor ein Jahr auf der Qualifier Tour. Filmprojekte sind bis jetzt leider etwas kurz gekommen. Ich denke, früher oder später wird sich jeder mal von der Contestszene verabschieden und mehr im Bereich Film und Foto arbeiten.

Aline Bock Ich plane, an dem einen oder anderen Tour-Stop teilzunehmen. Aber es gibt neben der FWT auch andere Optionen. Ich möchte gerne flexibel und vielseitig sein und wenn es klappt, mich auch kommende Saison wieder dem Filmen widmen. Letzte Saison war großartig, ich konnte mit dem Film Projekt von True Color Films meinen Traum erfüllen und nach Alaska reisen, um steile Hänge und Lines zu filmen.

Flo Orley Contests fahren ist ein Job geworden, der unglaublich Spaß macht. Die Teilnahme an der FWT war und ist Kernstück meines Winters und kann es auch noch einige Jahre bleiben. Dennoch freue ich mich jetzt schon auf Jahr 1 nach meiner Wettkampfkarriere, weil ich dann endlich wieder Zeit haben werde, mich auf ein fettes Filmprojekt zu konzentrieren – soweit es mir meine Kinder erlauben …

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Sebastian Hannemann (27) aus Augsburg Kategorie: Freeski Bestes FWT-Ergebnis: 4. Fieberbrunn 2011 Ausstatter: The North Face, BMW, Atomic u.a.
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Stefan Häusl (37) aus Strengen am Arlberg Kategorie: Freeski Bestes FWT-Ergebnis: Sieger in Fieberbrunn 2011 Ausstatter: Nordica, Kjus und Scott
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Flo Orley (38) aus Innsbruck Kategorie: Snowboard Bestes FWT-Ergebnis: 2. Overall FWT 2011 Ausstatter: Rossignol, Hochfügen, Thule u.a.
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Aline Bock (31) aus Überlingen Kategorie: Snowboard. Bestes FWT-Ergebnis: FWT Champion 2010. Ausstatter: Roxy, Völkl und Deeluxe u.a.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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