Nadine Wallner: „Der bestvermarktete Freerider ist nicht immer der beste Skifahrer“

Die Vorarlbergerin Nadine Wallner qualifizierte sich 2012 erstmals für die neu konzipierte Freeride World Tour – und räumte 2013 gleich den Titel der Weltmeisterin ab.

Die 23-Jährige glänzt nicht unbedingt mit spektakulären Tricks, dafür aber mit flüssigen Lines, satten Sprüngenund überragender Skikontrolle. Im Interview mit Snow-Autor Tim Tolsdorff spricht Wallner über ihre skiver-rückte Familie, die gnadenlose Auswahl im österreichischen Rennlauf und über den Vorteil, in einem Freeride-Mekka wie dem Klostertal auf der Westseite des Arlbergs aufzuwachsen.

Interview Tim Tolsdorff Bild Wild Roses, FWT/T. Haller, P. Field

Nadine, Du hast im Frühjahr 2013 als Debütantin die Freeride World Tour gewonnen. Was hat sich seitdem für Dich verändert? Klopfen Journalisten und Sponsoren jetzt reihenweise an? In den zwei Wochen nach meinem Sieg haben sich viele Türen geöffnet – die ein oder andere habe ich schon betreten. Sponsorentechnisch läuft es sehr gut im Moment.

Was ist das Schönste am Erfolg? Ich lerne brutal gerne Leute kennen und deswegen mag ich auch die World Tour, weil man viel in der Gegend herumreist. Was den Medienrummel angeht: Ich habe kein Problem damit, weil ich ein offener Mensch bin und gern mit Leuten rede.

Wann und wie bist Du in die Freeride-Szene hineingekommen? Ich bin Rennen gefahren und musste mit 16 Jahren verletzungsbedingt aufhören. Nach zwei von Verletzungen geprägten Jahren war meine Motivation weg, aber ich wollte die Freude am Skifahren nicht verlieren. Dann habe ich die Skilehrerkarriere eingeschlagen und den staatlichen Skiführer gemacht. Als ich den Schein 2011 hatte, fragte eine Freundin mich, warum ich keine Contests fahre. Sie gab mir den Kontakt von einem Open in Hochfügen, da meldete ich mich an. Dort qualifizierte ich mich gleich für den Hauptwettbewerb, aber das war schon Mitte der Saison. Am Ende des Winters beschloss ich, im nächsten Jahr anzugreifen. 2012 bin ich dann die Qualifier Tour gefahren.

Wie qualifiziert man sich für diese Tour? Es gibt Contests mit einem bis vier Sternen. Dafür kriegst du unterschiedlich viele Punkte. Wenn du bei einem Drei-Sterne-Contests gewinnst, bekommst du genauso viele Punkte, wie für den dritten Platz bei einem Vier-Sterne-Wettbewerb. Zu meinem Glück war der Hauptwett-bewerb in Hochfügen 2011 mit vier Sternen bewertet.

Beim letzten Wettbewerb wusstest Du, dass Du bei der World Tour dabei bist. Es ging also nur noch um den Sieg. Nimmt man dann mehr Risiko in Kauf? Im Kopf rechnest du das schon alles durch. Ich glaube aber, es ist wichtig, dass man vor einem Wettbewerb nicht die Punkte zählt und sich vorstellt, was passiert, wenn man auf diesem oder jenem Platz im Klassement landet. Dann beschränkst du dich in deiner Kreativität. Jedes Rennen zählt für sich.

Welche Chancen hast Du Dir ausgerechnet, als Du zur Freeride World Tour gekommen ist? Am Anfang der Saison war mein Ziel, dass ich mich für das Finale der besten acht in Verbier qualifiziere – und dass ich mich nicht blamiere (lacht).

Welches war der anspruchsvollste Hang, den Du auf der Tour gefahren bist? Ich denke, das ist immer abhängig von den Schneebedingungen.

Die Bec des Rosses in Verbier ist sicher anspruchsvoll, einer der Hotspots. Ich find‘s schad, dass wir Frauen nicht vom Gipfel starten, sondern von der unteren Schulter. Das ist auch anspruchsvoll, aber doch eher spielerisch. Wenn man von ganz oben startet, dann gibt‘s kein Fisch oder Fleisch mehr. Da haben, glaube ich, auch die meisten Jungs nicht nur Respekt, sondern Schiss.

Die Freerider vermitteln stets den Eindruck, dass es bei ihnen lockerer zugeht als im alpinen Weltcup. Andererseits hat sich die Szene in den vergangenen Jahren professionalisiert.

Wie wirkt sich das auf das Verhältnis der Athleten untereinander aus? Im Allgemeinen ist das Verhältnis zwischen den Athleten ziemlich gut. Es steht im Vordergrund, dass man sich irgendwo auf der Welt trifft, Tiefschnee fahren geht und Sachen im Gelände ausprobiert. Sicher, es gibt schon Podiums, und deshalb existiert dort auch ein Reibungspunkt. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich es schlimm finde.

Du bist in Deiner Jugend Rennen gefahren. In Österreich ist die Konkurrenz im Alpinbereich härter als irgendwo sonst auf der Welt. War der Leistungsdruck dort ausgeprägter als im Freeride-Bereich? Der Rennlauf ist halt das krasse Gegenteil vom Freeriden – von der Ideologie her und wie man den ganzen Sport angeht. Im Rennlauf fängt es im Schülerbereich an, und Kinder können grausam sein, genauso wie Eltern manchmal auch. Beim Freeriden finde ich es geil, dass wir da unsere Freiheit haben und nicht strikt nach irgendeinem Reglement gehen müssen.

Aber auch bei der Freeride World Tour geht es um Geld und Punkte. Wie ist das unter einen Hut zu bringen? Es sind schon viele Rider dabei, weil sie Podestplätze machen wollen. Aber im Grunde will jeder auch Spaß beim Skifahren haben. Und wenn‘s mal mit dem Fahren von Contests nicht mehr hinhaut, dann wird man das trotzdem weitermachen. Ein Rennläufer wird in seiner Freizeit keine Tore mehr fahren. Wir werden aber trotzdem Tiefschnee fahren.

Auch die Frauen droppen heute hohe Cliffs und fahren die Bec des Rosses. Hat sich die Bedeutung von Athletik im Frauenbereich vergrößert? Ich denke, dass die Kraft im Frauenbereich einen brutalen Sprung gemacht hat. Die Mädels springen mittlerweile Männercliffs und gescheite Höhen. Das Niveau ist krass angestiegen. Wenn du dir die Szene jetzt und vor drei, vier Jahren anschaust – da könnte nicht mehr jeder mithalten, der damals mitgefahren ist.

Die Männer bauen ja mittlerweile des öfteren Tricks in ihre Sprünge ein, Seb Mihaud hat vor einigen Jahren sogar einen Backflip über ein extrem großes Cliff in der Bec des Rosses gestanden. Ist das auch im Frauenbereich der nächste Schritt? Auf jeden Fall. Ich denke, dass im Frauenbereich mehr und mehr Tricks kommen werden, aber das wird eher ein steter und langsamer Prozess sein. Ein paar Sachen kann ich schon (lacht), aber im Contest über einen Felsen ist das ein ganz anderes Ding als im Park, wo du bestens präparierte Absprung- und Landezonen hast und weißt, worauf du dich einlässt. Auf dem Felsen ist das alles etwas unvorhersehbarer.

Muss man nach Stürzen eine psychische Barriere überwinden, um wieder befreit fahren zu können? Ich bin bislang bei zwei Contests gestürzt und habe beide Male gewusst, wieso. Da sag ich dann: selber schuld. Da mach ich mir keinen Kopf drum, denn ich weiß, was beim nächsten Mal anders zu machen ist.

Hast Du Vorbilder in der Freeride-Szene? Das ist definitionsabhängig. Ich finde, es gibt viele geile Freerider und Freeriderinnen auf der Welt, die sich nicht vermarkten. Trotzdem fahren die auf einem Level, dass sie bei den Contest locker mithalten könnten.

Also der Typ Skibum, der eher zurückgezogen am Arlberg oder in Chamonix wohnt? Genau! Zum Beispiel der Juan Bergada, ein Argentinier hier im Klostertal, der hat einen Spirit drauf, da dreht‘s dich weg. Oder der Schnabel Chris, der ist ein Jahr World Tour gefahren. Bei ihm hat es leider nicht hingehauen, aber das ist ein legendärer Snowboarder.

Ich kenne nicht viele, die so fahren. Das gilt auch für den Irian van Helfteren, einen Holländer, der letztes Jahr auf der World Tour unterwegs war und auch hier wohnt. Diese Leute inspirieren mich.

Siehst Du in Deinem Alltag also so viele gute Leute, dass man gar nicht auf die medial präsenten Stars der Szene angewiesen ist? Sicher schaue ich auch Filme. Der Shane McConkey etwa war eine Legende. Aber in der heutigen Zeit ist der am besten vermarktete Freerider nicht immer der beste Skifahrer. Da gibt es so viele, die das Potenzial haben, sich aber einfach nicht drum kümmern. Andere sind nicht daran interessiert, sich zu vermarkten, weil sie das Freeriden für sich haben möchten.

Ist das vielleicht die Ur-Ideologie des Freeridens, das man sich eben nicht vermarktet? Das ist schon so. Deshalb finde ich es gut, dass die Verantwortlichen die Freeride World Tour aufstocken, aber auf eine Einbettung in Verbandsstrukturen verzichten. Wenn das Ganze jetzt etwa über den ÖSV laufen würde, dann wäre das eine schlechte Entwicklung. Das hat man schon beim Freestyle gesehen: Die Leute, die den Sport verkörpern, die die Philosophie rüberbringen, die hören auf, sobald es verbandsmäßig organisiert wird.

Warum ist das so? Weil es nicht mehr das ist, was sie machen wollen. Stattdessen müssen sie das machen, was ihnen vorgegeben wird.

Wie sieht es mit Film-produktionen aus. Ist das etwas, was Du gerne ausprobieren würdest? Auf jeden Fall. Filmen ist natürlich was cooles, weil du an den geilsten Spots mit dem geilsten Schnee fahren kannst. Bei den Contests hast Du zwar die besten Spots, aber nicht immer die besten Verhältnisse. Ich habe aber heuer noch keine konkreten Filmprojekte angenommen oder mitgemacht. Angebote gibt es schon, aber bislang habe ich keine Gelegenheit gefunden, das einzubauen. Jetzt weiß ich aber, wie der Hase läuft. Nächstes Jahr wird dort sicher was gehen. Vielleicht im April nach Alaska (lacht).

Dein Vater ist Bergführer. Bist Du schon als kleines Kind im Gelände gefahren? Aufgewachsen bin ich eigentlich in Lech (lacht). Wir sind ins Klostertal gezogen, als ich in der zweiten Klasse der Volksschule war. Weil mein Vater Bergführer ist, haben wir schon in frühen Jahren eine ganz spezielle Beziehung zum Berg und zur Natur gekriegt. Ich bin mit sechs Jahren das erste Mal die Valluga-West gefahren, mit 13 Jahren habe ich meinen ersten Viertausender in den Westalpen gemacht. Das sind Dinge, die mich prägten.

Hat die Profession Deines Vaters Deinen Werdegang beeinflusst? Auf jeden Fall. Mein Papa führt als Skilehrer und Skiführer den ganzen Winter, das hat mir sicher den Weg gewiesen. Ich habe schon während meiner Schulzeit die Ausbildung zur Skilehrerin gemacht und bin während der Ferien in die Skischule gegangen.

Was schätzt Du auf skifahrerischer Ebene besonders an Deiner Heimat, dem Klostertal? Es ist sehr familiär, es ist sehr verspielt und du kannst so ziemlich alles machen. Du kannst vom Wald über die Skitour bis hin zu steilen Sachen alles fahren, wenn du dich auskennst. Die meisten kennen Lech, Zürs und St. Anton. Stuben und der Sonnenkopf sind dagegen Gebiete, die nebenbei liegen, aber großes Potenzial haben.

Wie sieht für Dich die perfekte Line in einem anspruchsvollen Geländehang aus? Auf die perfekte Line will ich mich nicht fixieren, das stoppt mich nur in meiner Kreativität. Aber ich sag mal: flüssig, schnell, steil, geil, mit ein paar Sprüngen.

Welche Pläne hast Du für die kommenden Jahre? Ich kann derzeit nicht sagen, was in fünf oder zehn Jahren ist. Vielleicht wohne ich dann in der Schweiz, in Amerika oder sonstwo.

Derzeit studiere ich Sportmanagement in Innsbruck und will das auf jeden Fall fertigmachen. Da bin ich jetzt ungefähr bei der Hälfte angekommen. Es ist manchmal ein wenig schwierig, das Studium mit dem Skifahren zu kombinieren, denn sowohl an der Uni als auch bei den Contests ist der März ein wichtiger Monat. Es geht aber alles mit sehr guten verbalen Überzeugungskräften (lacht).

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In der letzten Saison gewann Nadine Wallner überraschend die FWT in der Kategorie Ski/Damen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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