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Lorraine Huber: Die Extremistin

Lorraine Huber gehört zu den besten Freeridern der Welt.

Sie stürzt sich bis 70 Grad steile Nordhänge auf Ski hinunter. Was treibt Menschen wie sie in den Abgrund? Ein Treffen mit der hauptberuflichen Tiefschnee-Skifahrerin.

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„Freiheit bedeutet auch, sich im richtigen Moment umzuentscheiden.“

Okay, jetzt geradeaus, in die Hocke und dann beim Abspringen die Knie an-ziehen!“, ruft Lorraine Huber von unten. Hört sich leicht an, kostet aber einige Überwindung. Eine Gruppe von Freeride-Schülern steht in dichtem Schneetreiben an einem Steilhang bei Zürs, und wie es scheint, sind fast alle wild entschlossen, auf einen Felsen zuzufahren und abzuspringen – über ein Cliff zu droppen.

Die Teilnehmer des Freeride-Camps am Arlberg sind mit Helmen, Airbag-Rucksäcken und Lawinenpiepsern ausgerüstet, unter die Füße haben sie extrabreite Tiefschnee-Skier geschnallt. Es kann Rauschzustände verursachen, wenn man mit diesen Geräten durch frisch gefallenen, weichen Pulverschnee surft. Eine ganz andere Sache ist es aber, mit den Skiern über ein „Cliff“ zu „droppen“. Trotzdem, so schwer kann das doch nicht sein – Lorraine Huber hat den Hüpfer gerade auf spielerische Weise vorgeführt.

Einer der Teilnehmer bleibt dann aber doch lieber auf der Kante stehen, als personifizierter Cliffhanger.

Das Ende der Komfortzone

Lorraine Huber gilt als eine der besten Gelände-Skifahrerinnen der Welt. Auf ihrer Visitenkarte steht als Berufs-bezeichnung: „Professional Freeskier“ – ein Job, um den sie von Hobby-Wintersportlern oft beneidet wird. Die 32-jährige Sportlerin aus Lech kann sich fast täglich ihrer Lieblingsbeschäftigung widmen. Sie fährt hauptberuflich Tiefschneehänge hinunter, „am liebsten Vollgas“, mit weiten, rasanten Schwüngen. Sie springt über Felsen und zieht ihre Lines durch ultrasteile, felsdurchsetzte Hänge, die andere als komplett unbefahrbar einstufen würden. Sie hat sich mit mehreren Siegen bei europäischen Wettbewerben für die Freeride-World Tour 2013/14 qualifiziert, die Weltmeisterschaft der Extremskifahrer. Eine der letzten Entscheidungen dieser Reihe vor dem Saisonfinale in Verbier (Schweiz) findet jeden Winter in Fieberbrunn statt. Die Teilnehmer stapfen dort zu Fuß auf den Wildseeloder, mit den Skiern auf dem Buckel, bevor sie sich auf 2.118 m Seehöhe in den Nordhang stürzen, 620 Höhenmeter, bis zu 70 Grad Neigung.

Warum tun sich Menschen so etwas an? „Das Leben beginnt am Ende der Komfortzone, wenn man es voll auskosten will, muss man eben etwas Neues probieren“, findet Lorraine. Trotzdem, macht so ein Abgrund nicht vor allem Angst? Die Freeriderin sieht die Sache anders herum: „Es gehört viel Selbstvertrauen dazu, um so etwas zu fahren, aber eine Mutprobe darf es auf keinen Fall sein.“ Sie versucht, Angst durch rationale Entscheidungen in den Griff zu bekommen. Vor jeder Abfahrt geht sie Checklisten durch. „Bei meiner Sportart kommt es darauf an, die Risiken zu minimieren“, sagt sie, „und das kann man nur, wenn man sich gut auskennt.“ Vor Wettkämpfen studiert sie zwei bis drei Tage lang das „Face“, das Gesicht eines Bergs, zuerst mit dem Fernglas, dann steigt sie mit Ski auf dem Rücken zum Start hinauf – und hat ihre Route dann zentimetergenau im Kopf.

Abwärts heißt aufwärts

Beruflich geht es für Lorraine kurzfristig immer steil abwärts, aber langfristig gesehen eher aufwärts. Längst sind Sponsoren auf die dunkelhaarige Athletin aufmerksam geworden, sie taucht auf Werbefotos für Sportartikel und Tourismusregionen auf. Die Sportart ist im Trend, seit ein paar Jahren fliehen immer mehr Wintersportler aus den überfüllten Skigebieten ins un-berührte Gelände. Sie suchen Freiheit, Individualität, Abenteuer.

Abenteuerlich ist aber auch, wie viele Hobbysportler ohne entsprechende Kenntnisse über Lawinengefahr und die nötige Sicherheitsausrüstung losziehen. Die vermeintliche Freiheit im Pulverschnee kostet jedes Jahr Leben. Nach einer Statistik des Deutschen Alpenvereins sind Lawinen für 70 Prozent der tödlichen Unfälle bei Skitourengehern und Freeridern verantwortlich. Besser, man bereitet sich in einem Freeride-Camp auf die Tücken des Tiefschnees vor – zum Beispiel mit einem Profi wie Lorraine Huber.

Auf dem Stundenplan steht zunächst Theorie: Lawinenkunde, Wetter, Schneedeckenaufbau. So wild ihr Fahrstil auf Videos wirkt, so bedächtig gibt sie sich beim Freeride-Camp. Vor dem Start in den Schnee sitzt die Gruppe im Bergrestaurant am Seekopf und Lorraine spricht über die Lawinen-Situation. Draußen fallen dicke Flocken, es bläst ein starker Wind, die Sicht ist ziemlich schlecht. In der Hütte blättert die Freeriderin den Lawinenlagebericht durch. Das Problem sei die Kombination von Neuschnee und Wind, erklärt sie, „da bilden sich Triebschnee-Ansammlungen in Rinnen und Mulden.“ Während sie detailliert über das Skigelände redet, fällt einem ihr Akzent auf, eine sehr spezielle Mischung aus australischem und Vorarlberger Tonfall. Die Tochter eines österreichischen Skilehrers und einer Australierin ist in Lech aufgewachsen, 100 Meter vom nächsten Sessellift entfernt. Die Familie lebte im „Huberhaus“, einem uralten Bauernhof, der mittlerweile ein Heimatmuseum ist. Als Lorraine acht Jahre alt war, ging ihre Mutter zurück nach Australien, und die Tochter zog mit ans andere Ende der Welt. Die Winter verbrachte sie aber immer am Arlberg. Als kleines Mädchen wollte sie immer in den 1A-Skikurs kommen, die Gruppe, in der nur die Besten mitfahren, und als sie das geschafft hatte, schloss sie sich den Jungs an, die lieber über Felsen sprangen, anstatt mit ihren Freundinnen auf der Piste zu fahren. Die Eltern unterstützten sie und vertrauten ihr, wenn sie am Arlberg beim Skifahren oder in Australien beim Surfen war – vielleicht die Grundlage für das riesige Selbstvertrauen, das sie heute hat.

Wieviel ist die Freiheit wert?

Mit 22 war sie bereits eine der wenigen staatlich geprüften Skilehrerinnen und Skiführerinnen in Österreich. Während dieser Zeit studierte sie BWL in Wien, wechselte dann aber nach Innsbruck, um den Bergen näher zu sein. 2004 gründete sie zusammen mit einem Freund das Freeride-Center Sölden, eine neuartige Skischule, die auf Wintersport abseits der Pisten spezialisiert ist, und im gleichen Jahr gewann sie ihren ersten Freeride-Contest. Irgendwann stand sie vor der Entscheidung, ob sie das Skifahren zum Beruf machen soll.

Kann man mit Tiefschneefahren seinen Lebensunterhalt bestreiten? Und wenn ja, wie lange? „Es dauerte Jahre, bevor ich daran geglaubt habe, dass ich als Profi-Freeriderin mein Geld verdienen kann“, sagt Lorraine. 2007 veränderten zwei Unfälle ihr Leben: Erst geriet sie in eine Lawine, wurde aber nicht verschüttet, und zwei Wochen später verletzte sie sich beim Training am Knie, das Kreuzband war gerissen. Die Reha in Australien dauerte sieben Monate, und fernab von den Bergen geriet die junge Frau ins Grübeln: „Was bedeutet mir das Skifahren? Wie viel wert ist mir die Freiheit? Was ist mit dem Risiko?“

Oft sieht es nach gesundheitsgefährdendem Extremismus aus, was Lorraine so treibt, zum Beispiel in den Warren-Miller-Skifilmen, in denen sie mitwirkte. Angesichts der möglichen Gefahren möchte man die Frage stellen, was Menschen wie sie in den Abgrund treibt? Der amerikanische Psychologe Marvin Zuckerman schrieb, dass jeder Mensch „ein gewisses Maß an Erregung“ brauche, um sich wohl zu fühlen – wie viel, sei zu etwa 60 Prozent angeboren und zu 40 Prozent von der Umwelt bestimmt.

Mag sein, aber wie groß muss der Erregungsfaktor sein, damit man eine 70 Grad steile Rinne hinunterrast und über Felsen springt? „Ich muss überhaupt niemandem etwas beweisen“, sagt Lorraine, „mit einem Erregungsfaktor hat das auch nichts zu tun. Es geht eher darum, seine eigenen Stärken und Schwächen so gut zu kennen, um zu wissen, ob man so etwas machen kann oder nicht.“ Dazu gehöre eben auch, sich manchmal gegen einen Sprung oder eine Linie zu entscheiden.

„Du kannst auch neben dem Cliff runterfahren!“ ruft Lorraine von unten. Der Kursteilnehmer macht ein paar Schritte zurück, rutscht seitlich vom Felsen, und schwingt erleichtert ab. „Gut!“ lobt die Freeriderin, „Freiheit bedeutet auch, sich im richtigen Moment umzuentscheiden.“

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Lorraine springt über Felsen und zieht ihre Lines durch ultrasteile, felsdurchsetzte Hänge, die andere als komplett unbefahrbar einstufen würden

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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