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Indoor-Training: BIG AIR in der Schnitzelgrube

In der Freestyle Academy Laax trainieren Profis und Kids wagemutige Tricks. Im Sommer. In der Halle.

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© Laax Academy Danuser, Roland Schuler

Text Heidi Siefert Bild Laax Academy Danuser, Roland Schuler

Ein Mittag im Spätsommer nahe der Bergbahn-Talstation in Laax. Ein leerer Parkplatz zwischen Hotels und der spröden Fassade einer stattlichen Tennishalle. Nur selten spitzt die Sonne hinter den Wolken hervor. Bös’ formuliert ist es ein bisschen trostlos. Bis um zehn vor eins ein paar Burschen auf Skateboards von der Straße her um die Ecke biegen. Ein paar Minuten später folgt eine Gruppe Teenager. Lässig mit schlabbrigen kurzen Hosen, Rucksäcken und Snowboards unterm Arm. Andere haben Ski geschultert und ziehen Rollkoffer mit Skistiefeln hinter sich her. Mit dem Mittagsbus von Chur kommt schlagartig Leben in das Bergdorf in Graubünden. Von der anderen Seite rollen langsam immer mehr Autos auf den Parkplatz. Auch deutsche Kennzeichen sind darunter. Noch eine halbe Stunde, dann öffnen sich die Türen der Indoor Base der Freestyle Academy Laax, einem Trainingszentrum für Sprungbegeisterte unterschiedlichster Disziplinen und die einzige Anlage ihrer Art in Europa.

Mitten im bunten Völkchen der Skater, BMXer und Snowboarder stehen Nina (9) und Xaver (8). Begeisterte Skifahrer alle beide. Aufgeregt und gespannt, was sie erwarten wird in der einstigen Tennishalle, die 2010 zweckentfremdet wurde, „weil Tennis nicht mehr so sexy war“, wie Melanie Keller von der Weiße Arena Gruppe erzählt. Die Indoor Base gehört zu den jüngsten Projekten des visionären Tourismusunternehmens in der Surselva, das sich seit Jahren mit innovativen Ideen im Wintersport profiliert. Zweifellos gehört dazu auch diese, mit der Laax seine Position als führendes Freestyle-Resort Europas zementiert.

Konzentrierter Fun

„Wir haben den Trend erkannt“ schmunzelt Dani Ammann. Der 32-Jährige ist ausgebildeter Schneesportlehrer und Betriebsleiter der Indoor Base. Während es um ihn herum wuselt, steht er wie ein Fels in der Brandung; beantwortet Fragen, gibt Tipps, sieht, wo jemand Hilfe braucht, motiviert und applaudiert spontan, wenn irgendwo ein besonders cooler Trick gelingt. Nina und Xaver, die beiden tatendurstigen Neulinge, schickt er zu Walther Brughelli, den hier alle nur Woolly nennen. Der 24-jährige aus Locarno ist seit zwei Jahren im Team und finanziert durch die Arbeit als Coach sein Leben als Semiprofi in der Halfpipe. Zu ihm müssen an diesem Tag alle, die zum ersten Mal auf der Anlage sind, um den zweistündigen Royal-Coachman-Einführungskurs zu absolvieren. Nur wer am Eingang sein scheckkarten-kleines Zertifikat vorlegen kann, darf sich allein im 1.000 m² großen Areal tummeln. Alle anderen müssen ihre Fähigkeiten erst unter Beweis stellen, denn so lustig dieser riesige Abenteuerspielplatz aus Kickern, Rampen und Schnitzelgruben auch aussehen mag. Wer sich hier übernimmt, kann böse auf der Nase landen.

Zum Aufwärmen geht es auf die Trampolins. Sprung-Sequenzen auf langen Bahnen. Irgendwann geht es im Salto in eine der riesigen Schnitzelgruben, die im Fachjargon Foam Pit heißen. Immer wieder verschwinden Sportler im Meer der Schaumstoffbriketts. Auch die Kleinen haben riesen Spaß und Woolly zeigt, wie die Sprünge mit Körperspannung und Technik optimal gelingen. Zwischendurch schielen sie immer wieder hinüber zu einer Teenager-Gruppe, die in der Ecke atem-beraubend hohe Schrauben dreht und Salti schlägt. Auch das macht den Reiz der Indoor Base aus: Man beobachtet sich, lernt voneinander, pusht sich gegenseitig. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Und dennoch spürt man, wie konzentriert jeder die Sache angeht.

Profi-Training

„An Nachmittagen wie diesem überwiegt das ,normale Publikum“, erklärt Dani Ammann, während er Woolly und seine achtköpfige Royal-Coachman-Truppe zum Ski-Anziehen holt. „Pros und Teams trainieren normalerweise außerhalb der allgemeinen Öffnungszeiten (tgl. 13:30 – 21:00 Uhr). Die Leute dafür kommen aus ganz Europa. Vor allem aus der Schweiz, Österreich, Italien und Deutschland.“ Vor den olympischen Winterspielen in Sotschi rechnen sie in der Freestyle Academy mit besonders starkem Andrang der Athleten. Wie viele das sind? „Ist unser Betriebsgeheimnis“ schmunzelt Dani und erzählt von einer „Auslastung anhand der Saisonzeit.“

Woolly und seine Truppe stehen inzwischen im hinteren Hallenteil. Auf dem Übungshang gilt es ein Gefühl für die Snowflex-Unterlage zu bekommen; einen teppichartigen Belag aus stoppeligen weißen Plastikborsten. „Fühlt sich ein bisschen komisch an und schneller als Schnee“, urteilt Xaver nach den ersten Schwüngen und Bremsübungen. Nach ein paar Fahrten geht es flüssig und die Jungs und Mädels probieren die ersten Tricks. Dann ist es so weit: Es geht zum Big Air. Allein die Stufen hinauf zum Startplatz sind eine Herausforderung. Schmal und steil führen sie nach oben. Es wird merklich stiller. Eine Mama verabschiedet sich mit den Worten „das ist nix für meine Nerven“ an die Kaffee-Bar. An der kleinen Start-Plattform schärft Woolly seinen Schülern noch einmal ein „Knie beugen, Hände auf die Knie und geradeaus runter“. Wenn die kleinen Lämpchen am Rand des Kickers grün leuchten geht’s los. Auch die beiden Jüngsten trauen sich. Xaver muss erst einmal tief durchatmen. „Das ist so schnell, dass man schon oben glaubt, man hebt gleich ab“ erzählt er und drückt seinem Papa die Ski in die Hand. Bitte nochmal hochtragen. „Das muss so sein“, lacht Jonas „der Sportler konzentriert sich auf seine Arbeit“. Und so gibt sich Xaver noch mal den Adrenalinkick beim Big Air und träumt schon vom Winter, wenn er das geübte draußen im Schnee probieren kann.

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Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Und doch spürt man, wie konzentriert jeder die Sache angeht
© Laax Academy Danuser, Roland Schuler

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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