« Voriger Artikel   |   Nächster Artikel »

Völlig losgelöst, von der Erde …

Skitouren liegen voll im Trend.

neuer_name

Doch wer noch nie auf Ski den Berg hinaufgestapft ist, weiß oft nicht recht, wie er beginnen soll. Darum verraten wir Euch hier, wie der Einstieg in das schwerelose Cruisen im weichen Pulverschnee kinderleicht gelingt. Jetzt durchstarten und mit den Profi-Tipps aus der Redaktion ins Backcountry eintauchen!

Text Günter Kast, Bild Dynafit, La Sportiva, K2/Christian Stadler, Mountain Hardwear/Scott Markewitz, Atomic/Camilla Stoddart

Keine Frage: Skitouren passen so dermaßen zum Zeitgeist, dass den neuen Trendsport eine Marketingagentur geradezu erfinden müsste, würde es ihn nicht schon geben. Wer träumt nicht von federleichtem Pulverschnee, tiefblauem Himmel und jungfräulichen Hängen, wenn die Tage im Büro mal wieder nicht enden wollen? Von einsamen Anstiegen durch frisch verschneite Märchenwälder? Von der tiefen Befriedigung, die sich einstellt, wenn man einen Berg aus eigener Kraft erklimmt?

Skitourengeher sind Individualisten, sie heben sich ab von der Masse. Sie wollen den Kopf frei bekommen von ihren Alltagssorgen. Wollen eintauchen in die Stille beim Aufstieg, abtauchen in den lockeren Pulverschnee bei der Abfahrt. Was könnte besser in unsere hektische Zeit passen?

Die neue Lust am Tiefschnee zieht immer mehr Menschen in den Bann. Allerdings scheinen sich einige mit dem neuen Sport ordentlich zu überfordern. Man merkt das daran, dass in den Online-Flohmärkten der Alpin- und Ski-Portale regelmäßig komplette Skitouren-Ausrüstungen zum Verkauf angeboten werden, oft mit dem Zusatz versehen: „Zustand wie neu“. Ziemlich häufig sind das Anfänger, die von ihren Partnern zu einer „Schnupper-Tour“ überredet wurden, die sich dann als Marathon im absturzgefährdeten Steilgelände entpuppte. Erfahrenen Tourengehern fehlt da manchmal einfach das rechte Maß … Damit Euch solche Erlebnisse erspart bleiben, haben wir für Euch ein Starterpaket geschnürt, mit dem der Einstieg garantiert stressfrei verläuft.

Das wichtigste ist die Ausrüstung? Ehrliche Antwort: Nein. Wenige Unternehmungen in den Bergen sind bisher am Equipment gescheitert und viele an mangelnder Kondition und Technik. Trotzdem ist die Ausrüstungs-Check-Liste für Skitourengeher länger als diejenige für Pistenfahrer (siehe Textkasten). 1.500 bis 2.000 Euro kommen schnell zusammen, wenn man sich eine neue Ausrüstung zulegen will. Dafür spart man sich aber die Kosten für die teuren Skipässe. Deshalb sollte man auch nicht zu knauserig sein. Für den Einstieg kann man jedoch überlegen, ob nicht das ein oder andere Teil vom Pistensport oder dem Wanderurlaub im Sommer gute Dienste leistet. Fehlende Parts lassen sich mitunter auch bei Bergschulen oder den Alpenvereinssektionen ausleihen. Was man definitiv nicht machen sollte: Mit Pistenschuhen auf die erste Tour gehen. Blasen und Druckstellen sind programmiert und außerdem sind die Dinger im Aufstieg schwer wie Betonklötze. Wer vom Touren-Virus befallen ist, wird sich nach und nach ohnehin eine eigene Ausrüstung zulegen.

Im Prinzip kann jeder traumhafte Skitouren-Erlebnisse im winterlichen Gebirge genießen, der eine gewisse Erfahrung und Kondition beim Wandern im Sommer gesammelt hat und beim Fahren abseits der Piste in unterschiedlichen Schneearten einen sicheren Stemmbogen, besser noch einen Parallelschwung hinbekommt. Wer das drauf hat, darf sich durchaus an viel begangene Modetouren wagen. Nur sollte man sich eben immer darüber im Klaren sein, dass man sich in freier Wildbahn befindet. Das heißt zum Beispiel, dass es meist keine Hütte oder Gondel zum Aufwärmen wie im Ski-gebiet gibt. Für den Kälteschutz ist man jetzt vollkommen selbst verantwortlich. Eine schnelle Flucht zu Jagertee und Kaiserschmarrn gibt es nicht!

Tipps für den Aufstieg

Damit der Aufstieg Spaß macht, muss die Kondition stimmen. Mit Plastik-schuhen und Skiern an den Füßen ist das anstrengender als mit leichten Trekking-schuhen im Sommer. Nehmt Euch deshalb anfangs weniger Höhenmeter vor, als Ihr bei Sommertouren gewohnt seid. Und bringt Euch in Form mit Joggen, Rennradfahren und Mountainbiken. Auch Skigymnastik hilft, Stretching und Yoga beugen Sportverletzungen vor.

Wählt für den Anfang möglichst leichte, viel begangene Ziele mit maximal 70 bis 80 Prozent der Aufstiegshöhenmeter, die Ihr im Sommer locker bewältigt. Auf Modetouren ist zwar viel Betrieb, aber Ihr profitiert von einer angelegten Spur und meist eingefahrenen Hängen, die das Lawinenrisiko reduzieren. Wenn man selbst spuren muss: In einer etwa hüftbreiten Spur fällt die Balance am leichtesten. Die Neigung der Spur sollte ein entspanntes Gleiten zulassen; durch Kurven und Serpentinen im Gelände sollte die Steilheit gleichmäßig sein. Lassen sich Steilheitsänderungen nicht vermeiden, dann könnt Ihr das durch Anpassen der Steighilfe an der Bindung ausgleichen. Der Ski wird nicht angehoben, sondern gleitend über den Schnee gezogen und mit der ganzen Lauffläche aufgesetzt. Gewöhnt Euch ein lockeres Tempo mit bequemer Schrittlänge an, das Euch nicht kurzatmig werden lässt. Pausen solltet Ihr alle ein bis zwei Stunden einlegen.

Bis etwa 25 bis 30 Grad Hangneigung kann man die Kurven einfach auslaufen. Wird es steiler, sind sogenannte Spitzkehren notwendig: Zuerst mit dem Tal-Ski eine ebene Standfläche fest treten, dann den Berg-Ski in die neue Richtung umsetzen, stabilisieren und belasten. Nun kommt der Trick mit dem Kick: Die Spitze des Tal-Skis leicht im Schnee einhaken, Ski-Ende anheben, mit dem Absatz nach unten treten und, während das Ski-Ende nach unten pendelt, das Bein nach hinten schwingen und den Ski in die neue Richtung schwenken. Klingt kompliziert? Mit etwas Übung klappt es wie im Schlaf und spart viel Energie.

Ebenfalls wichtig: Rechtzeitig Harscheisen verwenden und nicht erst dann, wenn man sich in einem 40-Grad-Hang befindet und der Ski ständig wegrutscht.

Tipps für die Abfahrt

Oberste Regel: Man sollte sich beim Aufstieg nicht so sehr auspowern, dass man für die Abfahrt keine Kraft mehr hat. Außerdem kann man sich während eines entspannten Aufstiegs schon mal anschauen, welche Hänge und welche Routen sich für die Abfahrt eignen. Im lockeren Pulverschnee fällt das Fahren im Backcountry natürlich am leichtesten. Leider ist traumhafter Powder eher die Ausnahme als die Regel, denn viel Neuschnee bedeutet meist auch eine hohe Lawinengefahr. Dann weicht man auf Modetouren aus, bei denen die Abfahrt oft pistenartig ausgefahren ist. Einen guten Skifahrer stellt das vor keine großen Probleme. Schwierig wird es erst, wenn tiefer Sulz, windgepresster Schnee (ironisch auch „Plattenpulver“ genannt) und Bruchharsch lauern. Dann wird die Abfahrt anstrengend und verletzungsträchtig. Wer kein Super-Sportler ist und solches Gelände nicht mit kraftvollem Umspringen durchpflügen kann, sollte sich auf einen Sicherheits-Schwung wie die gute, alte Bergstemme beschränken. Im schlimmsten Fall greifen selbst Könner zum letzten Mittel: Schrägfahrten und Spitzkehren zum Wenden.

Gruppendynamik

Es ist keine gute Idee, allein auf Skitour zu gehen: Wird man verschüttet, gibt es niemanden, der Hilfe leisten kann. Eine Gruppe bietet jedoch nur dann Vorteile, wenn sie auch als Team funktioniert. Bei privaten Touren – also ohne Profi-Bergführer – sollten alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Der schwächste Teilnehmer gibt die Schwierigkeit, das Tempo und die Pausen vor, ein starkes Teammitglied geht am Ende der Gruppe. Bei Problemen und Verzögerungen wartet man aufeinander. Steile Hänge bewältigt man mit Entlastungsabständen, bei der Abfahrt hält man genügend zeitlichen und räumlichen Abstand im Hang, um niemandem in die Quere zu kommen. Steile Hänge werden einzeln befahren, am Fuß des Hanges sammelt sich die Gruppe an einer sicheren Stelle. Bei Krankheit, Verletzung oder technischen Problemen wird niemand allein zurückgelassen, sondern er oder sie erhält eine Begleitung oder die Gruppe kehrt gemeinsam um. Eigentlich logisch, oder? – Man merkt: Mit dem gesunden Menschenverstand kommt man schon ziemlich weit auf Skitour.

Wie schwierig ist die Tour?

Das ist eine ebenso gute wie schwer zu beantwortende Frage. Denn Schwierigkeit ist ein relativer Begriff. Was für den einen eine Genuss-Tour ist, stellt für den anderen einen Horror-Trip dar. Deshalb helfen nur objektive Kriterien weiter – vor allem Länge der Tour, Steilheit, Ausgesetztheit und Engräumigkeit des Geländes definieren die Anforderungen an Aufstiegs- und Abfahrtstechnik. In den meisten Führern gelten Touren mit weiten Hängen bis 30 Grad Hangneigung als „leicht“ (Grenze zum Spitzkehren-Gelände). Bei „mittel“ können Hänge bis 35 Grad oder engere Rinnen vorkommen. „Schwere“ Touren sind bis zu 40 Grad steil und ziemlich exponiert. Sie weisen Engstellen auf und erfordern mitunter leichte Kletterei auf dem Weg vom Ski-Depot zum Gipfel. Leider ist die Schwierigkeiten-Skala in Skitouren-Büchern nicht einheitlich. Man sollte sich deshalb mit den jeweiligen Definitionen des Autors vertraut machen. Und daran denken, dass schlechtes Wetter oder schlechte Schneeverhältnisse die Schwierigkeiten erhöhen.

Wie lange dauert die Tour?

Noch so eine Frage, die Einsteiger gerne stellen, um dann doch nur eine unbefriedigende Antwort zu erhalten. Denn der Zeitbedarf hängt natürlich von Kondition, Orientierungsvermögen und Spurqualität ab. Bei einer vereisten oder zu steilen Spur, aber auch dann, wenn man selbst im tiefen Schnee spuren muss, kann man deutlich länger brauchen als im Führer angegeben.

Anfänger liegen richtig, wenn sie von einer Steigleistung von knapp 300 Höhenmetern pro Stunde ausgehen und von vier Kilometern Strecke pro Stunde. Damit ermittelt man die beiden Zeiten für Höhe und Strecke, dann wird die kleinere von beiden halbiert und zur größeren dazugezählt. Ein Beispiel:

1.200 Hm = 4 Std., 6 km = 1,5 Std.

Gesamtzeit = 4 + (1,5/2) = 4 3/4 Std.

Für die Abfahrt rechnet man mit 800 bis 1.000 Höhenmetern pro Stunde, je nach Fahrkönnen und Gruppengröße.

Wie lawinengefährdet ist die Tour?

Das Thema, das Touren-Neulinge am meisten beschäftigt, ist die Lawinengefahr. Wer diese komplett ausschließen will und sich zunächst einmal mit der Ausrüstung vertraut machen und Kondition aufbauen möchte, kann seine ersten Touren im Skigebiet am Pistenrand planen (unter Beachtung der jeweiligen Regeln für Tourengeher im Skigebiet). Eine interessante Alternative sind Ski-tourenlehrpfade. In Bayern gibt es solche Pfade in Garmisch (Eckbauer), in Ruhpolding am Unterberg, an der Tegelbergbahn im Allgäu sowie am Obersalzberg in Berchtesgaden. Im Tiroler Sellrain-Tal führt von Praxmar aus ein Tourenlehrpfad mit Info-Tafeln auf die 2.876 Meter hohe Lampsenspitze (drei Stunden Aufstieg) – das ist dann schon eine „richtige“ Skitour, die aber aufgrund der sehr starken Frequentierung in der Regel relativ lawinensicher ist und sich deshalb durchaus für ambitionierte Einsteiger anbietet.

So informativ die Tafeln mit Erläuterungen und Übungen vor Ort auch sein mögen, sie ersetzen nicht eine umfassende Ausbildung zum Thema Lawinengefahr. Als Minimum ist ein zweitägiger Kurs nötig, in dem man Suchstrategien nach einem Lawinenabgang und die moderne Digital-Technik der Verschütteten-Suchgeräte (LVS-Geräte) kennenlernt. Vor allem aber lernt man in einem Lawinenkurs, wie man Lawinen erst gar nicht auslöst.

Anfänger, die einen Kurs besucht haben, sollten zunächst nur bei stabilem Wetter und Lawinenwarnstufe Eins („Geringe Gefahr“) auf eigene Faust losziehen und bei Stufe Zwei („Mäßige Gefahr“) nur süd- und westseitige Touren planen. Bei Stufe Drei bleibt man als Anfänger zuhause oder auf der Piste.

Infos zur Lawinenlage, die von der Steilheit des Geländes, der Hangrichtung (Ost und Nord sind oft besonders gefährdet) und der aktuellen Schneedeckensituation abhängt, gibt’s im Internet auf der Seite des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de) für sämtliche Regionen in den Alpen in den Monaten Dezember bis Anfang Mai. Den Lawinenlagebericht (LLB) einzuholen ist eine lebenswichtige Basis-Sicherheitsmaßnahme, die zum Standardprogramm vor jeder Tour gehört! Man bekommt den LLB während einer mehrtägigen Tour auch als Tonbandansage vom Telefon, wenn keine Internet-Verbindung zur Verfügung steht.

Was steht in der Karte?

Die Karte ist noch weit vor dem GPS-Gerät (das ausfallen kann, weil zum Beispiel der Akku leer ist) das wichtigste Planungsinstrument für Tourengeher. Am besten eignen sich Karten im Maßstab 1:50.000, besser noch 1:25.000. Inzwischen gibt es Karten, in die Skirouten bereits eingezeichnet sind. Aus der Karte könnt ihr die Hang-richtung und (mit dem Hangneigungsmesser) die steilste Stelle der Tour und des Einzugsgebietes der zu begehenden Hänge herauslesen. Mit diesen Infos und dem LLB könnt Ihr dann mittels strategischer Entscheidungs-Hilfen und Risiko-Management-Tools, die man im Lawinen-Kurs lernt, herausfinden, ob die Tour zu verantworten ist, oder man besser ein Ersatzziel wählt. Höhenunterschiede und Strecken, die man ebenfalls aus der Karte herauslesen kann, dienen als Grundlage für den Zeitplan.

Wo bekomme ich Touren-Infos?

Für die Tourenplanung ist das Internet eine wahre Goldgrube. Verschiedene Touren-Portale wie zum Beispiel www.alpenvereinaktiv.com/de/ oder www.skitouren.ch informieren über aktuelle Bedingungen und Schneeverhältnisse und sind so eine willkommene Ergänzung des LLBs. Trotzdem sollte man Nutzer-generierte Inhalte immer mit Vorsicht genießen – manche User wollen sich wichtigmachen mit heldenhaften Tourenbeschreibungen, andere haben kein Gespür für die Bedürfnisse von Einsteigern.

Los geht’s!

Okay, das war ganz schön viel Theorie. Die ersten Schwünge im Pulver sind gelungen, das Handling von Fellen und Bindung sitzt, jetzt darf das erworbene Wissen auch ausprobiert werden! Mit den hier vorgestellten Tagestouren liegt Ihr für den Anfang goldrichtig. Wir haben für Euch fünf leichte Tagestouren zusammengestellt. In einem zweiten Schritt könnt Ihr dann auch mal eine Zwei-Tages-Tour mit Hüttenübernachtung planen. Und wer sich allein in freier Wildbahn noch unwohl fühlt, sieht sich die Angebote der Bergschulen und Alpenvereins-Sektionen an – da ist ganz bestimmt für jeden etwas dabei!

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

Events

Zur Zeit liegen keine Events vor …