Die Taktik beim Aufstieg

Tourengehen ist mehr als ein Spaziergang um den Block.

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In großer Höhe muss das Gehtempo deutlich verlangsamt werden
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Wer also vor der Abfahrt mit Ski den Berg hinaufläuft, muss vieles berücksichtigen. Worauf es ankommt, verraten uns die Experten vom Deutschen Skilehrerverband.

Text und Bild DSLV

Im Rahmen der Tourenplanung sollte bereits eine grobe Taktik für den Aufstieg festgelegt werden. Je genauer und umfangreicher aufschlussreiches Informationsmaterial, d.h. Karten, Führer, Anstiegsblätter, Infos von Gebietskennern usw., für die Vorbereitung zur Verfügung steht, desto detaillierter kann dabei die mögliche Taktik bestimmt werden.

Im Gebirge gut zu taktieren bedeutet aber auch, flexibel zu sein und sich schnell auf neue, veränderte Situationen einzustellen. Deshalb kann eine vorab gewählte Taktik nur als Planungsgrundlage dienen, sie muss den tatsächlichen Gegebenheiten und Verhältnissen immer neu angepasst werden.

Spuranlage

Das Gelände im Gebirge weist unzählige Formen auf, es ist reich gegliedert und strukturiert. Typische Formen sind Grate, Rücken, Rippen, Hügel, Rinnen, Schluchten, Täler, Mulden, Trichter, Wände, Flanken, Rampen, Terrassen, Ebenen und offene Hänge. In dieses Geländerelief gilt es, eine sichere und gleichzeitig ökonomische Spur zu legen. Eine Aufstiegsspur kann man auch als die „Handschrift“ des Führenden bzw. des Guides bezeichnen. Aus ihr sind viele Details zu lesen. So ist zu erkennen, ob der Spurende ein aufstiegserfahrener Freerider ist, der das Gelände gut interpretieren kann, oder ob eher Unsicherheit und falsche Entscheidungen seine Spuranlage kennzeichnen.

Allgemeine Geländebeurteilung

Sie ist die Basis für eine dem Gelände und der Situation angepasste Spur. Aus der Geländebeurteilung resultiert der Großteil aller Entscheidungen. Sie sollte bei jedem Einblick in einen neuen Geländeabschnitt vorgenommen werden.

Zur Geländebeurteilung sollten folgende übergeordnete Fragen beantwortet werden:

• Stimmt die vorhandene Situation im Gebiet mit der erwarteten Situation gemäß der Tourenplanung überein?

• Ist das Gelände bei den derzeitigen Verhältnissen, d.h. der vorherrschenden Lawinensituation, der Schneemenge, der Schneebeschaffenheit und der aktuellen Witterung, mit dem persönlichen Können der Teilnehmer und der bei den einzelnen Teilnehmern vorhandenen Ausrüstung überhaupt begehbar?

• Wo kann in diesem Gelände am besten eine Spur angelegt werden, die relativ lawinensicher sowie kraftsparend zu begehen ist bzw. eine Rücksichtnahme auf die Erfordernisse des Naturschutzes erlaubt?

• Wo gibt es Ausweichmöglichkeiten für eine alternative Spuranlage?

Aufgrund der Resultate dieser Beurteilung wird der grobe Spurverlauf festgelegt und dann während des Aufstiegs im Detail auf gleichmäßige Steigung und die entsprechende Ausnutzung des Geländes geachtet. Ist bereits eine Spur vorhanden, muss diese auf ihre Sicherheit und zweckmäßige Anlage beurteilt werden. Entspricht sie nicht den eigenen Ansprüchen, sollte eine neue Spur angelegt oder die bestehende Spur korrigiert werden.

Lawinensituation

Die Lawinensituation vor Ort ist der wichtigste Faktor für die Entscheidung, eine bestimmte Spur anzulegen oder einer bereits bestehenden Spur zu folgen. Alle weiteren Kriterien sind diesem Punkt untergeordnet. Eine ganzheitliche Beurteilung der Lawinengefahr ist die Grundvoraussetzung für eine sichere Spuranlage.

Hangsteilheit und Schneeverhältnisse

Die Hangsteilheit sollte nach Möglichkeit so gewählt werden, dass ein kraftsparendes, rhythmisches Aufsteigen möglich ist. Die günstigste Hangsteilheit für den Aufstieg liegt bei ca. 20 – 25° Neigung. Ausschlaggebend für die Spuranlage sind aber auch die Schneehöhe, die Schneebeschaffenheit sowie das technische und konditionelle Niveau des Freeriders. Bei einer detaillierten Beurteilung findet man oft schlechte bzw. ideale Schneebedingungen dicht beieinander. Entscheidende Kriterien für wechselnde Schneeverhältnisse sind Hangexposition, Geländeform, Höhenlage und das Wettergeschehen, die jeweils für das Auffinden möglichst optimaler Schneeverhältnisse ausgenutzt werden sollten.

Sonstige alpine Gefahren

Zusätzliche alpine Gefahren sind ebenfalls in die Beurteilung und die Spuranlage einzubeziehen:

• In kammnahen Bereichen und an überwechteten Graten muss ein aus-

reichender Sicherheitsabstand zur Wechte gewährleistet sein.

• Im Frühjahr sollten Passagen unter Felsabbrüchen gemieden und um-gangen werden. Ebenso verhält es sich im direkten Bereich von ausapernden Moränenflanken.

• Eingeschränkte Sichtverhältnisse erschweren die Gefahrenbeurteilung, die Geländeausnutzung und die Gesamtorientierung.

Gehtempo

Gerade auf Freeride-Touren können oft größere körperliche Belastungen auftreten als beim Bergsteigen, Bergwandern oder auch beim Mountainbiking im sommerlichen Gebirge. Anstrengende Spurarbeit in tiefem und schwerem Schnee, ungünstige Witterungsverhältnisse und große Höhe schwächen schnell das konditionelle Leistungsvermögen. Beim Abmarsch sollte eine taktische Grundregel beachtet werden. Der Körper benötigt eine Eingehzeit bzw. Aufwärm-phase, bis er seine volle Leistungs-bereitschaft erreicht hat. Wird ihm diese Phase, in der sich die Muskulatur und der Kreislauf auf die Belastung einstellen können, nicht gewährt, reagiert er mit verminderter Leistungsfähigkeit. In den ersten 20 Minuten nach dem Abmarsch sollte deshalb ein Tempo gewählt werden, das ein Atmen nur durch die Nase zulässt und jeglichen Stress vermeidet. Nach dieser Eingehphase kann das Tempo dann schrittweise erhöht werden.

Gehen in der Gruppe

Auf Freeride-Touren und Variantenabfahrten im freien Skiraum sollte man sich nie alleine begeben, um bei unvorhersehbaren Zwischenfällen noch den Backup des Partners bzw. der übrigen Gruppenteilnehmer zu haben.

Verantwortlichkeit

Die Verantwortlichkeit innerhalb der Gruppe sollte von Beginn an geregelt sein. Bei geführten Touren ist es selbstverständlich, dass der Guide wie z. B. ein staatlich geprüfter Berg- und Skiführer die Verantwortlichkeit mit allen daraus resultierenden Konsequenzen hat. In einer Gruppe, in der diese Zuständigkeit nicht durch die Qualifikation einzelner Mitglieder fixiert ist, sollte dennoch eine Regelung getroffen werden. Normalerweise übernimmt das Gruppenmitglied, das die größte Erfahrung und die umfangreichsten Gebietskenntnisse besitzt, die Verantwortung und damit die Führung.

Einfluss der Gruppengröße

Die Gruppengröße kann positive, aber auch negative Auswirkungen haben. Eine je nach Tourencharakter, Schwierigkeit und Tourenlänge richtig bemessene Teilnehmerzahl wirkt sich positiv auf die Sicherheit und auf das Erlebnis aus. Die Kleingruppe, d. h. zwei bis vier Teilnehmer, ist auf Freeride-Touren optimal, weshalb es oft vorteil-haft ist, eine größere Gruppe in Kleingruppen aufzuteilen. Diese sollten dann jedoch einen angemessen Abstand zueinander einhalten. Auf keinen Fall sollte eine Gruppengröße von zehn Teilnehmern überschritten werden.

Die Reihenfolge innerhalb der Gruppe sollte unter taktisch sinnvollen Aspekten geregelt werden und jedem Teilnehmer entgegenkommen.

Pausen, Rastplätze und Skidepots

Pausen, Rastplätze und Skidepots sollten vorausschauend in den Verlauf des Aufstiegs eingeplant werden. Sie können entscheidend zur Sicherheit und zum Erfolgserlebnis einer Freeride-Tour beitragen.

Pausen

Die Pausen müssen vom Zeitpunkt und von der Dauer her sinnvoll angelegt werden. Der körperliche Belastungsgrad der Teilnehmer, die gegebenen Bedingungen und die herrschenden Witterungsverhältnisse sollten in die Entscheidung, wann und wo gerastet wird, mit ein-fließen. Bei Pausen bzw. an den Rastplätzen sollte man sich vor Auskühlung schützen, Getränke und Verpflegung zu sich nehmen und die Ausrüstung in Ordnung bringen. Der verantwortliche Guide sollte die Pausen nützen, um sich neu zu orientieren, das Gelände mit den gegebenen Verhältnissen zu beurteilen und den weiteren Spurverlauf zu planen.

Rastplätze

Ein gut gewählter Rastplatz steigert nicht nur den Erlebniswert einer Freeride-Tour, er kann auch wesentlich zur Sicherheit der ganzen Gruppe beitragen.

Skidepots

Skidepots werden meist vor steileren Gipfelanstiegen angelegt, wenn es wenig sinnvoll ist, die Ski mit der gesamten Ausrüstung zum höchsten Punkt zu tragen bzw. ein Abfahren direkt vom Gipfel nicht möglich oder zu gefährlich erscheint. Ein Depot sollte nach eingehender Geländebeurteilung frühzeitig vor dem mit Ski unbegehbaren Gelände angelegt werden. Es ist unvorteilhaft und kann auch gefährlich werden, mit angeschnallten Ski in einer steilen, harten Gipfelflanke bis zum Anschlag aufzusteigen. Durch einen eventuell exponierten Platz kann die Ausrüstung schlecht abgesichert werden, es kann zum Verlust wichtiger Gegenstände und im schlimmsten Fall sogar zum Absturz führen. Die Örtlichkeiten eines Depots sollten, was die Sicherheit betrifft, die gleichen Kriterien wie die Rastplätze erfüllen. Zusätzlich müssen Ski und zurückgelassene Ausrüstung vor allem gegen den Wind abgesichert werden.

Risikobewusstes Verhalten in Bezug auf die Lawinengefahr

Ein der bestehenden Lawinensituation angepasstes Verhalten im Gelände

reduziert das Risiko und erhöht die in der Tourenplanung vorgesehene Sicherheitsreserve. Während der Tour sind sowohl elementare Vorsichtsmaßnahmen als auch fundierte Entscheidungen anhand entsprechender Entscheidungsstrategien zu treffen.

Das äußerst komplexe Thema Risiko-management wird ausführlich im Teil »1 Freeriden – Theoretische Grundlagen« dieses Lehrplans behandelt.

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Beispiel für eine gute, risikoarme (grüne Spur) sowie eine ungünstige, gefährliche Spuranlage (rote Spur)
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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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