Jenseits von Sotchi

Nur 300 Kilometer vom Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 entfernt thront der Elbrus, mit 5.642 Metern Europas höchster Berg, über den Gipfeln des Kaukasus.

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Seit drei Uhr morgens schieben wir unsere Tourenskier Schritt für Schritt nach oben, dem höchsten Punkt Europas entgegen

Wer ihn mit Skiern besteigt, hat einen der begehrten „Seven Summits“ in der Tasche – und danach für viele Tage eine hartnäckige Wodka- und Knoblauch-Fahne.

Text und Bild Günter Kast

Der Höhenmesser zeigt etwa 4.700 Meter an, als am Horizont die Sonne hervorspitzelt und wir die Stirnlampen ausschalten können. Seit drei Uhr morgens sind wir unterwegs, schieben wir unsere mit Steigfellen beklebten Tourenskier Schritt für Schritt nach vorne, nach oben, dem höchsten Punkt Europas entgegen. „Klack, klack“ macht die Bindung. Viktor, unser russischer Guide, ist zufrieden. „Zeit gut“, sagt er. Und der Wind, unser größter Feind, hält sich – noch – vornehm zurück.

Die Monotonie des Gehens erlaubt es, die Erlebnisse der vergangenen Woche Revue passieren zu lassen. Schon der Zielflughafen Mineralnye Vody hatte bei den Daheimgebliebenen für Gelächter gesorgt. Wer fliegt schon an einen Ort, der allen Ernstes „Mineralwasser“ heißt? Tatsächlich gibt es in der Region zahlreiche Heilquellen. Nur sah man die nachts nicht, auf der Fahrt im Klapper-Bus von „Mineralwasser“ nach Pjatigorsk im Föderationskreis Nordkaukasus, wo im „In-Tourist“-Hotel mit seinem Vor-Perestroika-Charme ein durchgelegenes Bett auf die angehenden Helden der Berge wartete. Was man hingegen sah, waren jede Menge Mädchen auf dem Straßenstrich. Und Freier, die im Ballonseide-Jogginganzug mit den Damen über die Preise verhandelten. Neonbuchstaben schrieben den Namen der Stadt in den schwarzen Nachthimmel.

Pjatigorsk liegt etwa auf dem Breitengrad von Sotchi, wo im Februar 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden werden. Die beiden Städte sind Luftlinie gar nicht so weit voneinander entfernt. Doch dazwischen schiebt sich der Kaukasus, Russlands unruhige Grenzregion. Und der sorgt dafür, dass zwischen Putins Vorzeige-Projekt am Schwarzen Meer und den wilden Bergtälern nicht nur Kilometer, sondern Welten liegen.

Bei der Fahrt durch das größtenteils von Moslems besiedelte Baksan-Tal, das Tor zum Elbrus, wurde das besonders deutlich. Überall Militärpräsenz, Passkontrollen, Sandsäcke. Seit 2011 mutmaßlich islamistische Attentäter einen Stahlträger der Elbrus-Seilbahn sprengten und drei Moskauer Touristen erschossen, bevölkern mehr Polizisten und Soldaten als Reisende das Tal des Baksan. Das Projekt „Pik 5642“ – für 15 Milliarden Dollar sollen rund um den Elbrus fünf Skigebiete aus dem Boden gestampft werden – kommt nicht so richtig in Schwung. Von den Ski-Resorts der Zukunft ist wenig zu sehen, obwohl es doch das erklärte Ziel des Kreml ist, den Kaukasus mit Hilfe des Wintersports zu befrieden, oder, wie es Ex-Präsident Medwedew einmal formulierte: den Terrorismus mit Tourismus zu besiegen.

Auch ökologisch wäre das Projekt durchaus sinnvoll: In Sotchi, wo sich Putin und Medwedew gern beim Wintersport zeigen, kann man nur zwei, drei Monate im Jahr ohne Kunstschnee Ski fahren. Am Elbrus geht es acht Monate lang.

Mit Pass und Permit

Im Moment hätten wir gar nichts einzuwenden gegen eine Elbrus-Seilbahn, die näher in Gipfelnähe führte. Die Querung zum Sattel zwischen West- und Ost-Gipfel zieht sich endlos lange hin, das Atmen in der dünnen Luft fällt immer schwerer. Die Gipfel-Etappe mit ihren fast 2.000 Metern Höhenunterschied ist eben doch ein richtiger Brocken für Otto-Normal-Skitourengeher – einerseits. Andererseits sehen wir die roten Fähnchen, die von unseren Schlaf-Blechbüchsen auf 3.700 Metern bis zum höchsten Punkt hinaufführen. Sie stammen vom „Elbrus Race“, das hier vergangene Woche über die Bühne ging und von einer russischen Outdoor-Firma gesponsert wurde. Der beste Athlet, ein Italiener, absolvierte die mehr als 3.000 Höhenmeter zwischen Talstation und höchstem Punkt in dreieinhalb Stunden.

Die Leistung dieses „Sky-Runners“ kommt uns vor wie von einem anderen Stern, aber inzwischen ist es ja eine Mode geworden, die alpinen Großtaten der Messners und Kammerlanders auf Halbtagestouren zu verkürzen. Wir haben weder den Ehrgeiz noch die Kondition, um mit den Bergläufern zu konkurrieren.

Immerhin merken wir, dass die Akklimatisationstouren zur Anpassung an die Höhe ihren Zweck erfüllt haben. Eine ganze Woche verbrachten wir im Camp Ulla-Tau im Adyrsu-Tal, einem Seiten-Arm des Baksan-Tals. Dort gibt es auf 2.300 Metern Höhe eine für russische Verhältnisse recht komfortable Hütte, die als Stützpunkt für Skitouren günstig liegt und deshalb auch von russischen Bergführern für Fortbildungen genutzt wird. Was einem Aufenthalt zusätzliche Würze verleiht: Das Tal befindet sich in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Georgien, ist also seit dem Krieg von 2008 ein äußerst sensibles Gebiet. Rein darf nur, wer ein Spezial-Permit mitbringt. Und selbst dann dürfen einige Pässe und Gipfel, die direkt an der Grenze liegen, nicht mit Skiern erkundet werden. Die Soldaten im Tal beobachten das mit dem Feldstecher sehr genau und würden bei Verstößen sofort einen Hubschrauber aufsteigen lassen. Bei der Rückkehr ins Camp müssen wir stets Pass und Permit vorzeigen.

Was ein bisschen schräg klingt, ist in Wirklichkeit ein Riesenspaß. Weil die Skitouren im Mai früh am Tag beginnen, damit der Schnee nicht zu weich für die Abfahrt wird, hatte man den Nachmittag frei zum Chillen und konnte „Doktor Schiwago“ lesen oder sich ein frühes Pivo (Bier) genehmigen. Bei schönem Wetter servierte Köchin Fatima das Essen im Freien. Wir konnten uns vor Pelmeni, Blini, Piroggen, Piroschi, Baranki und Borschtsch kaum retten. Dazu gab’s viel Fleisch, fettig und würzig.

Aufstieg zur Schneegrenze

Am dritten Tag der Woche im Adyrsu-Tal kamen russische Touristen mit ihrem Pick-Up ins Camp. Die blondierten Frauen mit Stöckelschuhen und hochtoupierten Frisuren, die Männer in – genau! – Ballonseide-Jogginganzügen. Einer war so betrunken, dass er vom Pick-Up rollte und in der Wiese liegenblieb. Viktor runzelte die Stirn und sagte: „Eto ni charaschow. – Nix gut.“ Der Kumpel der Schnapsleiche konnte noch gehen und stellte uns eine Flasche Wodka hin: „Geschenk“. Fatima schüttelte den Kopf: Draußen in Pjatigorsk, da kenne sie nette Männer, die würden nur ab und zu etwas trinken. So einen würde sie sich vorstellen. „Alkohol njet“, sagte sie. Und dann meinte sie noch: „Das Leben ist schlecht in Russland. Wenige Menschen haben sehr viel. Viele haben sehr wenig.“

Am nächsten Tag ging es dann mit Viktor wieder auf Skitour zu den umliegenden Dreitausendern, die zum Beispiel Chochat oder Gomachi heißen. Wie jeden Morgen mussten wir die Skier zunächst etwa eine Stunde am Rucksack tragen, bis wir die Schneegrenze erreicht hatten. Wir stapften durch Birkenwälder und über blühende Wiesen, überquerten Bäche ohne Brücken. Es sah genauso aus, wie ich gehofft hatte, dass es aussehen würde. Viktor schaute etwas irritiert, wenn wir selbst bei stabilsten Schneeverhältnissen mit Lawinensonde, Schaufel und LVS-Gerät loszogen. „Deutsche immerrr haben Angst vorrr Lawine“, schimpfte er. Wir wollten ihm inhaltlich zwar nicht zustimmen, mussten aber trotzdem lachen. Genau solche Dialoge machen den Reiz einer Russland-Skitour aus. Es sieht im Adyrsu-Tal zwar nicht viel anders aus als in den Alpen. Doch der Unterschied manifestiert sich nicht in der Umgebung, sondern im Kopf.

Das Glück dieser Reise ist das Hinausschauen in die russische Landschaft und das Hineinschauen in die Befindlichkeiten der russischen Mitreisenden.

Tag der persönlichen Rekorde

Okay, um die allgemeine Befindlichkeit unserer Truppe war es schon einmal besser bestellt, jetzt, da wir den Elbrus-Sattel auf 5.350 Metern erreichen. Unter uns ziehen dichte Wolken auf und wir fürchten, um den Ausblick vom „Top of Europe“ betrogen zu werden. Aber schneller gehen können wir auch nicht. Dafür reicht die Kraft nicht mehr. Einige stapfen zu Fuß mit Steigeisen weiter, andere versuchen den Gipfel mit Skiern zu erreichen. Es wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schaffen würden! Wir wollen ihn knacken, diesen an Anekdoten so reichen Vulkan mit seinem Doppelgipfel.

Den etwas niedrigeren Ostgipfel erreichte als Erster ein Träger aus dem Lager des russischen Generals Emanuel im Jahr 1829. Die Erstbesteigung des Westgipfels erfolgte erst 1874 durch drei Engländer, die von dem Schweizer Peter Knubel angeführt wurden. Schon damals diskutierten die akademisch geprägten Bergsteigerkreise heftig darüber, ob der Elbrus mit 5.642 Metern Höhe der höchste Berg Europas ist, oder diese Ehre dem Mont Blanc (4.810 Meter) zufällt. Die Antwort hängt von der Definition der innereurasischen Grenze ab. Fest steht nur: Der Elbrus ist der höchste Berg des Kaukasus und Russlands, der Mont Blanc der höchste Gipfel der Alpen.

Heiß umkämpft war der Vulkankegel im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Gebirgsjäger überfielen 1942 die überraschte Besatzung der Elbrus-Hütte, die kampflos abzog. Danach war den Wehrmacht-Soldaten offenbar langweilig. Wieder und wieder versuchten sie, den Gipfel zu erreichen und dort oben die Reichskriegsflagge zu hissen. Als sie es endlich geschafft hatten und Hitler davon Wind bekam, soll das beim „Führer“ einen Wutausbruch ausgelöst haben. Laut Albert Speers Erinnerungen schimpfte er über den „idiotischen Ehrgeiz, einen idiotischen Gipfel zu besteigen“, wo er doch befohlen hatte, alle Kräfte auf die Eroberung von Sochumi am Schwarzen Meer zu konzentrieren.

Nun ja, ein bisschen idiotisch ist es schon, sich freiwillig hier hoch zu quälen. Das stellen wir gerade selbst fest. Aber aufgeben will jetzt auch keiner mehr. Nach einer weiteren halben Stunde werden die Hänge flacher, der Kraterrand ist erreicht, der Westgipfel nur noch wenige hundert Meter entfernt. Jetzt verlangsamen wir nochmals das Tempo – aber nicht vor Erschöpfung, sondern weil wir jeden Schritt auf dem Weg zum „Top of Europe“ genießen wollen, in dem sicheren Wissen, dass uns den Gipfel keiner mehr nehmen wird. Und dann liegen wir uns in den Armen. Der ein oder andere verdrückt eine Träne. Der gesamte Kaukasus liegt uns zu Füßen. Keiner von uns war bisher mit Skiern höher aufgestiegen. Für alle ist es ein persönlicher Rekord-Tag.

Mit rund 20 Grad unter null ist es für diese Höhe vergleichsweise mild, der Wind hält sich in Grenzen. Trotzdem drängt Viktor zum Aufbruch, denn Nebel und Wolken werden dichter. Bei der Abfahrt würden wir bestimmt keinen Schönheits-Preis gewinnen. Effizienz geht vor Stil. Trotzdem sind wir wie euphorisiert. Erst, als unsere zugigen und ungeheizten „Wohntonnen“ auf 3.700 Metern schon in Sicht sind, beginnen wir uns auf die nächsten Herausforderungen mental vorzubereiten: Viktor wird ganze Paletten Wodka und Bier auffahren lassen. Riesige Schaschlik-Spieße. Ganze Berge von rohen Zwiebeln und Knoblauch. Wir werden stinken wie die Iltisse. Im Flugzeug wird niemand neben uns sitzen wollen. Und wenn wir erzählen, dass wir gerade aus „Mineralwasser“ zurückkommen, werden sie uns für verrückt erklären. Aber wir – wir werden still in uns hineinlächeln. Und uns diebisch darüber freuen, der russischen Seele zumindest ein Stückchen näher gekommen zu sein.

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Endlich oben! Die glückliche Ankunft auf 5.642 Metern

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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