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Der Reiz der Rinne

Wer auf breite Carving-Autobahnen oder sonnige Genusspisten steht, der ist hier falsch.

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„Hier“ markiert die Welt der Couloirs – zu Deutsch Rinne oder Scharte. Heimisch fühlen sich in diesen von Felsen flankierten Kanonenrohren Steilhangartisten und furchtlose Freerider. Ihnen sind Anflüge von Klaustrophobie und Höhenangst auch dann fremd, wenn vor und hinter den Skispitzen nur wenige Meter Platz bleiben. Unser Autor Tim Tolsdorff erklärt, worauf es beim Bewältigen einer Steilrinne ankommt. Für alle, die anschließend Blut geleckt haben, stellt das SkiMagazin fünf Couloirs vor, die ohne großen Aufwand zu erreichen sind.

Text Tim Tolsdorff, Bild Tolsdorff, Patrick Pachod, A. Moser, Zardini, TVB, Ski_Baby/istockphoto.com

Es ist tiefster Winter in den Dolomiten, und wie ein Relikt aus der fernen Vergangenheit liegt die Talstation im tief verschneiten Niemandsland des Sellajochs. Der eisige Wind pfeift durch die stählernen Eingeweide des Zweckbaus, in dem sich dutzende von Zwei-Personen-Gondeln drängen. Die winzigen, für Klaustrophobiker definitiv ungeeigneten Kabinen geben einen Hinweis darauf, dass 500 Höhenmeter weiter oben, an der Bergstation, Platzmangel herrscht. Im Sommer schaufelt die Bahn Bergwanderer in eine Kerbe zwischen den ungleichen Brüdern Langkofel und Plattkofel über dem Grödner Tal.

Früher lief die Bergbahn auch im Winter und brachte Skifahrer nach oben. Deren Ziel lag auf der anderen Seite des Berges: die berüchtigte Langkofelscharte. Die felsdurchsetzte Rinne, deren Steilheit nur von wenigen Abfahrten im Alpenraum übertroffen wird, galt über Jahrzehnte als Skiklassiker und als Mutprobe für jeden, der im Grödner Tal logierte. 1985 aber beschlossen die Betreiber nach einigen tödlichen Stürzen in der Scharte, die Gondel im Winter stillzulegen.

Haarige Steilrinnen wie die Langkofelscharte gibt es jedoch auch anderswo. Jahr für Jahr ziehen die Couloirs – so die französische Bezeichnung – un-zählige wagemutige Freerider an. Neben den landschaftlichen Eindrücken und den skitechnischen Herausforderungen sind es vor allem psychische Aspekte, die das Befahren eines Couloirs zu einer kitzligen Angelegenheit machen. Der Atem geht schneller und das Herz klopft kräftiger, wenn man am Einstieg eines solchen Kanonenrohrs steht und zwischen Vernunft und Abenteuerlust schwankt. Unter den Skispitzen kippt der Hang ins Bodenlose ab, turmhoch ragen zu beiden Seiten die Felsen auf. Der Verstand wägt ab zwischen dem Sprung ins Ungewisse und dem Rückzug auf sicheres Terrain. Jetzt hilft nur der feste Glaube an die eigenen Fähigkeiten und ein Plan für die ersten Meter. Dann ein Satz – und das Adrenalin flutet den Körper.

Für hochalpine Couloirs sollte man über Tourenerfahrung verfügen oder die Dienste eines Bergführers in Anspruch nehmen. Doch in vielen Skigebieten findet man Rinnen vor, die einfach zu erschließen sind und gute Voraus-setzungen für den Beginn einer langen Leidenschaft bieten. Technisch muss man auch hier über gewisse Grundvoraussetzungen verfügen. So sollten Novizen sich sicher im steilen, unpräparierten Gelände bewegen. Vor allem das Beherrschen eines umgesprungenen Schwungs ist Grundvoraussetzung, da für raumgreifende Wendemanöver in vielen Couloirs kein Platz ist. Wer wenig Übung hat, für den empfiehlt es sich als Vorbereitung, auf einem steilen Geländehang in einem vorher definierten Korridor seine Schwünge zu setzen. Wer nicht direkt umspringen will, der kann damit beginnen, zunächst die Skienden anzuheben und den Schwung über die Skispitzen zu drehen. Positiver Nebeneffekt: so wird Rücklage vermieden – in einem Couloir ein Fehler, der Folgen haben dürfte. Last but not least muss man mit einem Sprung ein bis zwei Meter vertikal überwinden können, da am Einstieg so mancher Rinne ein Abbruch wartet.

Neben den skitechnischen Aspekten sind auch beim Befahren kleinerer Couloirs Risiken zu beachten: Locals oder Insider sind eine gut Quelle, um sich über die Struktur und eventuelle vorhandenen verborgenen Gefahrenstellen des jeweiligen Couloirs zu informieren. Wichtig ist auch, detailliert den richtigen Anfahrtsweg zu kennen – niemand will sich über einem ausweglosen Felsabbruch wiederfinden. Darüber hinaus ist es unbedingt nötig, die Lawinenwarn-stufe zu prüfen und sich – aus der Gondel oder von unten – einen persönlichen Eindruck von Topografie und Schneebeschaffenheit zu verschaffen. Der Wind kann Massen von Triebschnee in den Rinnen ablagern, den Lawinen kann man praktisch nicht ausweichen. Die Exposition eines Couloirs ist nicht nur aus Gründen der Lawinensicherheit ein Faktor, sondern aus Gründen des Genusses: Spät in der Saison können südseitig ausgerichtete Rinnen am Morgen pickelhart und verbuckelt sein – eine eher unangenehme Kombination. Es empfiehlt sich, Helme und Rückenprotektoren zu tragen, die im Fall eines Sturzes den Aufprall dämpfen. Die erste Option sollte natürlich sein, einen Sturz unter allen Umständen zu vermeiden.

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Zu Unrecht im Schatten der Arlberg-Königin

Die Rinnen am Schindlergrat in St. Anton

Die Valluga ist mit 2.811 Metern der höchste Punkt im Skigebiet von St. Anton. Viele Insider aber halten die „Königin des Arlbergs“ für überbewertet, weil man die Gondel auf den Gipfel nur in Begleitung eines Bergführers besteigen darf. Der beste Skiberg über St. Anton ist fraglos der Schindlergrat, und das nicht nur, weil von seinem 2.660 Meter hoch gelegenen Gipfel zwei der längsten Abfahrten Tirols und die spektakuläre Route durch das Mattuntal zu Tal führen. Kultcharakter haben vier Steilrinnen, die durch die markanten Felsen an der Nordwestflanke des Berges schneiden. Unentschlossene haben vor ihrem Einsatz Gelegenheit, das Geschehen ausgiebig von der präparierten Piste aus zu beobachten, um sich dann für ihre Ideallinie zu entscheiden. Um die Rinnen zu erreichen, biegt man direkt nach dem Liftausstieg scharf links ab und steht am Abgrund. Beim Einstieg ist Vorsicht vor den Steinen geboten, welche die Vorgänger in den steilen ersten Metern freigelegt haben. Von Osten nach Westen steigt die Schwierigkeit der Couloirs stetig an: Es wird nicht nur steiler, sondern auch enger. Als Zugabe finden Freerider unterhalb der Schneisen eine Traverse vor, die in eine gewaltige Schneeschüssel gleich unter dem Schindler-Sessel führt. Ein Wermutstropfen: Der Einstieg wurde zuletzt durch Fangzäune erschwert, die für hartnäckige Couloir-Fetischisten aber kein ernstzunehmendes Hindernis darstellen.

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Per Sprung zum Youtube-Star

Corbet’s Couloir im Extremski-Mekka Jackson Hole

„Eines Tages wird jemand kommen und diesen Hang mit Skiern abfahren.“ So soll sich der Skilehrer und Bergführer Barry Corbet aus Jackson Hole Anfang der sechziger Jahre geäußert haben, als er eine von senkrechten Felsen gekrönte Rinne in der Flanke des Rendezvous Mountain in seiner Heimat erspähte. Nur wenige Jahre später, nämlich 1967, sorgte der ansässige Lawinenkontrolleur Lonnie Ball dafür, dass die Prophezeiung seines Kollegen eintraf. Benannt wurde die Abfahrt jedoch nach ihrem Entdecker. Heute ist Corbet‘s Couloir eine Mutprobe für Skifahrer aus aller Welt und wird auf dem Pistenplan von Jackson Hole als markierte Abfahrt ausgewiesen. Das Hauptproblem stellt der Einstieg dar: Nachdem man vom Rendezvous Mountain über einige sanfte Hänge talwärts geschwungen ist, klafft zur Linken eine Lücke im Gelände. Dahinter geht es über Fels und Eis senkrecht abwärts. Die bis zu 50 Grad steilen, tief verschneiten Hänge weiter unten im Couloir sind nur mit einem beherzten Sprung zu erreichen, der – je nach Schneeverhältnissen – zwischen drei und acht Meter hoch ausfällt. Erschwerend kommt hinzu, dass am Einstieg zahlreiche Zaungäste mit Kommentaren und wohlgemeinten Ratschlägen die Versuche der Freerider vereiteln, ihre ganze Konzentration auf das Überwinden der schauerlichen Steilstufe zu richten. So sind die Triumphe und Tragödien vieler Protagonisten in Corbet‘s Couloir mittlerweile bei Youtube dokumentiert.

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The French Connection

Die Couloirs an der Saulire in Courchevel

Was St. Moritz für die Schweiz ist, das ist Courchevel für Frankreich: Hier treffen sich die Reichen und Schönen für ihre Winterfrische. Doch auch die sportliche Seite von Courchevel ist nicht zu unterschätzen, seitdem die französische Ski-Legende Émile Allais in den sechziger Jahren ein Skigebiet der Superlative auf die Berge über dem Ort setzte, das 1973 mit Méribel sowie Les Menuires/Val Thorens zum Skigroßraum „Drei Täler“ fusionierte. Der Hausberg von Courchevel ist die Saulire (2.738 Meter). An ihrer Nordflanke finden Freerider drei gut zu erreichende Couloirs, deren topografische Eigenheiten sich bestens aus der Gondel studieren lassen. Während die meisten Gäste – von Courchevel kommend – die Gondelstation nach links verlassen, wenden sich Wagemutige nach rechts. Direkt unterhalb der Station fällt die Route „Sous Pylons“ in die Tiefe ab. Dieses durch eine Felsnase zweigeteilte Couloir unmittelbar unter dem Tragseil der 140-Personen-Gondel ist zwar steil, dafür aber nicht sonderlich lang und zudem recht breit. Dem Grat zwischen den Tälern von Courchevel und Méribel folgend, erreichen Einsteiger über eine Geländeschüssel zur rechten Hand die schwarz markierte Route durch das „Grand Couloir“. Breit und mäßig steil, wird diese Variante regelmäßig frequentiert – dementsprechend zerfahren und verbuckelt präsentiert sich meistens die weiße Unterlage. Die größte Herausforderung an der Saulire bietet aber eine enge, steile und zwischen den genannten Varianten verortete Rinne. Man findet den Einstieg, wenn man sich in der zum „Grand Couloir“ führenden Schneeschüssel scharf rechts hält. Nicht umsonst ist die Königslinie an der Saulire nach dem Schöpfer des Skigebiets benannt – Émile Allais.

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Vorspiel für die wahren Herausforderungen

Die Pordoi-Scharte im Südtiroler Sella-Massiv

Der Sellastock in den Südtiroler Dolomiten ist berühmt für seine anspruchsvollen Felsrinnen – Bergführer beziffern ihre Zahl auf rund 20. Einsteiger finden nahe der spektakulären Luftseilbahn auf den Sass Pordoi (2.950 Meter) ideales Gelände für den Beginn ihrer „Couloir-Karriere“. Die Pordoi-Scharte gilt neben dem Mittagstal als Klassiker, den Besucher des Sellastocks unbedingt gemacht haben müssen. Zunächst gilt es, den Einstieg zu finden. Dazu gleitet man von der Bergstation der Gondel über flaches Gelände in Richtung des Rifugio Forcella Pordoi. Kurz vor dem Erreichen der Schutzhütte auf 2.850 Meter Seehöhe wartet eine erste Steilstelle.

Neben dem Rifugio kippt die Abfahrt dann scharf nach rechts ab. Trotz des steilen Geländes ist der Einstieg unproblematisch, denn Platz ist in der Pordoi-Scharte reichlich vorhanden. Nach unten weichen die gigantischen Felswände der Sella immer weiter zurück. Die südseitige Exposition des Hanges und die leichte Erreichbarkeit tragen dazu bei, dass die Schnee-verhältnisse oftmals leiden. Nicht selten wechseln sich hüfthohe Buckel mit pickelharten Eisplatten ab. Grandios sind dagegen die landschaftlichen Eindrücke: Der Blick aus der Scharte fällt geradewegs ins Fassatal. Im unteren Teil führt die Abfahrt durch Felsengärten zurück zur Talstation der Gondel, die auch Ausgangspunkt für weitere Expeditionen im Massiv der Sella ist. Für die anspruchsvollen und hochalpinen Couloirs wie den „Canale Holzer“ sollten Ortsunkundige definitiv auf die Dienste eines Bergführers zurückgreifen.

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Steilhänge im Stadtgebiet

Die Rinnen in der Nordkette über Innsbruck

Es existieren zahlreiche Erzählungen von den Handgreiflichkeiten, die nach ergiebigen Schneefällen an der Talstation der Innsbrucker Nordkettenbahnen unter Freeridern ihren Lauf nehmen. Das Ziel der Kombattanten: ein Platz in der ersten Gondel aufs Hafelekar, und damit die Pole Position beim Rennen um die erste Spur im Neuschnee. Die berühmten Rinnen im Felsenkranz der Nordkette liegen auf Innsbrucker Stadtgebiet und dürften mit durchschnittlich 70 Prozent Gefälle die steilsten Abfahrten innerhalb eines urbanen Ballungsraumes weltweit sein. Direkt unterhalb der Bergstation am Hafelekar (2.256 Meter) kippt die Seilbahnrinne ab. Wagemutige halten sich nach dem Ausgang rechts, überklettern eine Mauer und sehen sich mit einem Einstieg konfrontiert, der etwa zwei Skilängen breit ist und über ein Gefälle von rund 100 Prozent verfügt. Wer hier stürzt, läuft nicht nur Gefahr, schmerzhafte Bekanntschaft mit den scharfen Felsen ringsum zu machen, sondern auch zum Gespött der nach oben gondelnden Freerider zu mutieren.

Mehr Platz und weniger Gefälle bietet die Karrinne, von der Seilbahn aus über einen kurzen Aufstieg in Richtung Westen zu erreichen. Für beide Varianten gilt, das man das vom Inntal bis zu den vergletscherten Bergriesen der Alpenhauptkette reichende Panorama vor dem Start genießen sollte – während der Abfahrt hat man andere Sorgen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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