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Freeride-Einstieg: Powern wie die Profis

Aller Anfang ist schwer? Stimmt gar nicht! Wir geben Tipps, wie der Einstieg ins Freeriden garantiert gelingt – und wo Ihr Eure ersten Powder-Erfahrungen am besten sammelt

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Text Günter Kast Bild TVB Laax/Danuser, Scott, K2

Kürzlich in der Gondel: Vater: „Komm, lass uns mal eine Variante fahren.“ Sohn: „Was meinst Du? – Ach so, Freeriden. Sag’s doch gleich.“ Auch wenn die beiden manchmal aneinander vorbeireden – sie meinen doch in etwa dasselbe: Sie suchen den Kick im unverspurten, freien Gelände. Damit enden die Gemeinsamkeiten freilich schon. Während das Wildern abseits der präparierten Pisten früher ein Vergnügen für eine Minderheit war, ist es inzwischen der Megatrend schlechthin. Er prägt eine ganze Ski-Generation. Freeriden ist Lebensgefühl und Philosophie. Es ist mehr als Marketing-Deutsch für das altbekannte Variantenfahren.

Der Unterschied dazu ist schon im Bild ersichtlich, wenn sich die Spuren in den Schnee prägen. Hier die „Old-Schooler“ mit ihren eng geflochtenen Zöpfen: synchron, platzsparend und kontrolliert. Dort die Freerider, die den Hang mit ihren Big Turns fast zu durchtrennen scheinen.Die Botschaft kann man deutlicher nicht formulieren: Freeriden ist anders, wilder, kreativer, schneller. Die Line, die ein Freerider in einen Hang schreibt, ist sein Autogramm. Möglich machen das unter anderem die breiten Latten. Sie sind verwindungssteifer und damit auch bei viel Speed laufruhiger. Die Rocker-Technologie erleichtert ebenfalls das Aufschwimmen. Selbst eingefleischte Skitourengeher, die bis dato über Freerider die Nase rümpften, geben zu, dass es mit den neuen, breiten und dennoch leichten Skiern ein Riesenspaß ist, mehr als nur eine Pulverschnee-Abfahrt am Tag zu genießen. Freeriden – das heißt eben auch: möglichst kurze Aufstiege und extralange Abfahrten, viel Genuss und wenig Schweiß.

Realistische Erwartungshaltung

Natürlich sieht das Ganze auf den Videos der Wintersportindustrie leichter und spielerischer aus als es ist. Wir reden hier gar nicht von Steilabfahrten durch felsdurchsetzte Flanken oder Zehn-Meter-Sprüngen. Solche Stunts bleiben ohnehin den Profis vorbehalten und sind weit weniger verbreitet, als das die vielen Action-Filme suggerieren. Aber: Freeriden heißt schon dem Wortsinn nach Frei-Reiten. Die Suche nach dem besten Schnee und der perfekten Line beinhaltet unendlich viel mehr Freiheiten und Wahlmöglichkeiten als das abgesteckte Areal einer gewalzten Piste. Mit diesen Freiheiten muss man umgehen können.

Die Lawinengefahr respektieren. Aber auch nicht wie das Kaninchen vor der Schlange vor Angst erstarren. Zuerst nachdenken, aber dann glasklare Entscheidungen treffen. Und: Man sollte sich als Einsteiger nicht überfordern und die Erwartungshaltung lieber ein bisschen zurückschrauben. Auch beim Freeriden gilt leider der Spießer-Spruch: Ein Meister fällt selten vom Himmel.

Trotzdem gibt es natürlich viele Tricks, die den Einstieg erleichtern. Relativ unwichtig sind – man ahnt es – coole, möglichst bunte Klamotten. Wenn man nämlich uncool Ski fährt, wirken coole Klamotten doppelt uncool. Also besser die Euros sparen und in einen Tiefschnee-Kurs investieren. Der heißt heutzutage Freeride-Camp, erleichtert aber in jedem Fall die ersten Schritte in die Freiheit am Berg. Man lernt dabei die Grundregeln des Risikomanagements und der Lawinenkunde. Vor allem: Wie man im Pulverschnee fährt, aber auch, wie man den Ski in schwerem, sumpfigem Schnee dreht, oder bei Bruchharsch noch einigermaßen würdevoll den Hang hinunterkommt. Eine wichtige Lektion solcher Kurse lautet meist: In der freien Wildbahn gibt es nicht nur in der Sonne stiebenden Powder, sondern manchmal auch „schlechten“ Schnee, der richtig schwierig zu fahren ist. Wer bereit ist, sich dieser Herausforderung zu stellen, wird mehr Spaß haben als jemand, der ständig darüber lamentiert und den „Once-in-a-Lifetime“-Tagen hinterher trauert. Trotzdem ist es für die Wahl des richtigen Kurses wichtig, dass man sein eigenes Können realistisch einschätzt. Wer schon Tiefschneeerfahrung hat und sich neben der Piste öfter mal erfolgreich ins freie Gelände gewagt hat, braucht keinen Anfängerkurs zu buchen.

Richtige Materialwahl

So ein Camp hat auch den Vorteil, dass man oftmals Testmaterial ausleihen kann. Wenn man sich danach in den unübersichtlichen Produkt-Dschungel eines Wintersportgeschäftes wagt, weiß man eher, welches Equipment man wirklich braucht. Die entscheidende Frage vor dem Kauf lautet:

• Will ich mit meiner Ausrüstung primär nur abfahren und kurze Anstiege notfalls mit geschulterten Skiern bewältigen?

• Oder möchte ich voll aufstiegstaugliches Equipment?

Wer sich für die zweite Option entscheidet, erschließt sich damit viel mehr Freeride-Varianten. Denn wer bereit ist, einige Hundert Höhenmeter mit Fellen unter den Skiern aufzusteigen, wird ungeahnte Möglichkeiten entdecken, die denjenigen, die nur bergab fahren wollen, meist verborgen bleiben.

Dafür muss man beim Gewicht aber Kompromisse akzeptieren, was in der Regel auf Kosten der Abfahrts-Performance geht. Außerdem muss man sich einige zusätzliche Parts anschaffen, die Nur-Abfahrer nicht benötigen.

Konkret: Skier und Schuhe sollten so leicht sein, dass damit Aufstiege von 400 bis 600 Höhenmetern noch ohne Kreislaufkollaps zu bewältigen sind. Um auch leichte Kletterpassagen im Fels zu meistern, eignen sich Freeride-Schuhe mit griffigen, rutschfesten Profilsohlen, wie sie auch klassische Bergschuhe haben. Es gibt Modelle bei denen sich die eingeschraubten Sohlen wechseln lassen. Wer einen Tag nur auf der Piste verbringen will, montiert dann die „normalen“ Sohlen, die bei einem Sturz für eine bessere Auslösung der Bindung sorgen. Wichtig: Aufstiegs-kompatible Freeride-Schuhe müssen sich immer von „Ski“ auf „Walk“ umstellen lassen. Ansonsten sind Blasen und Druckstellen garantiert.

Natürlich muss auch die Bindung aufstiegstauglich sein. Inzwischen gibt es spezielle Freeride-Modelle, die einen guten Kompromiss zwischen (leichtem) Gewicht und Abfahrts-Performance bieten. Jetzt fehlen noch Steigfelle und Harscheisen (für Hartschnee-Passagen im Aufstieg). Bei den Fellen gibt es inzwischen schier endlos viele Varianten. Wichtig ist, dass sie auf den Ski passgenau zugeschnitten sind und sich einfach und sicher befestigen lassen. Als Faustregel gilt ferner: Weiche Mohair-Felle haften besser, nutzen sich aber schneller ab. Synthetik-Felle halten länger, sind aber störrischer und können sich bei sehr kalten Temperaturen vom Ski lösen. Bewährt für „Aufsteiger“ haben sich auch Teleskopstöcke: Die kann man beim Kraxeln zusammenschieben und am Rucksack befestigen, so dass sie nicht stören.

Analoge und digitale Helfer

Egal, ob man manchmal aufsteigen oder nur abfahren will: ein Handy, ein Erste-Hilfe-Set mit Rettungsdecke, oder besser noch ein Biwak-Sack müssen immer in den Rucksack. Wichtig sind auch Höhenmesser und Kompass sowie eventuell ein GPS-Gerät. Weil dieses ausfallen kann, gehören Karten nach wie vor ins Gepäck. Bei Frei-Reitern beliebt sind die Freeride Maps (www.freeride-map.com), die es inzwischen für zahl-reiche bekannte Freeride-Gebiete in den Alpen gibt. Die Karten teilen das Areal in blaue (leichte), gelbe (mittelschwierige) und rote (extreme) Bereiche ein. Ausrufezeichen signalisieren Gefahrenpunkte, rote Pfeile erleichtern die Orientierung. – Ach ja: Apps mit eingezeichneten Routen sind eine feine Sache, solange man mit dem Smartphone ein Netz findet. Ansonsten tappt man ganz schnell im Dunkeln.

Dass man im Powder neben Helm und eventuell Protektoren die obligatorische Lawinen-Sicherheitsausrüstung dabei hat, versteht sich von selbst. Nur sind das keine Accessoires, die man sich zum Angeben an den Rucksack hängt – man sollte Verschütteten-Such-Gerät (VS-Gerät), Sonde und Schaufel auch richtig bedienen können. Da hilft nur üben, üben und nochmals üben – am besten in einem Kurs. Noch wichtiger als die Suche nach Verschütteten zu üben ist es natürlich, gar nicht erst eine Lawine auszulösen. Einschlägige Bücher zum Risiko-Management helfen da weiter, können aber die Praxis-Erfahrung nicht ersetzen. Eine gute Idee ist es, als Anfänger mit erfahrenen Freeridern loszuziehen. Das sind übrigens nicht jene, die damit prahlen, einen Lawinenabgang überlebt zu haben. Sondern diejenigen, die davon erzählen, dass sie einen bestimmten Hang ausgelassen haben, obwohl es doch so verlockend gewesen wäre …

Airbag – Vor- und Nachteile

Braucht man zusätzlich einen Lawinen-Airbag, wie ihn beispielsweise ABS und Snowpulse anbieten? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Wer ihn sich leisten kann (etwa 700 Euro) und das zusätzliche Gewicht in Kauf nimmt, bekommt dafür ein Mehr an Sicherheit. Aber nur dann, wenn man den Airbag nicht als allmächtigen Schutzengel begreift und deshalb bei hoher Lawinengefahr in die steilsten Rinnen und Hänge einfährt. Dann ist das Plus an Sicherheit nämlich schnell aufgebraucht und verkehrt sich unter Umständen sogar ins Gegenteil. Denn ein Airbag sorgt zwar dafür, dass man auf der Lawine oben aufschwimmt und nicht verschüttet wird. Aber er verhindert nicht, dass man gegen einen Baum prallt oder über eine Klippe gespült wird.

Überhaupt hat das Kapitel Lawinengefahr sehr viel mit Psychologie zu tun. Einerseits ist es für viele Freerider das heikelste Thema. Andererseits scheinen alle Bedenken vergessen zu sein, wenn nach starken Neuschneefällen die Lifte öffnen und sich eine ganze Horde Powder-Fans ohne großes Nachdenken in steilste Hänge stürzt, nur weil das alle anderen auch machen. Der Herdentrieb wird dann sehr schnell gefährlich. Ganz klar: Weil es immer mehr Freerider gibt, wird es auch immer schwieriger, im Backcountry noch einen Quadratmeter jungfräulichen Schnees aufzuspüren. Die „No-friends-on-powder-days“-Hektik, die dann aufkommt, kann ganz schön nerven. Denn nach einer halben Stunde sehen die Hänge aus, als ob sie ein Traktor mit dem Pflug bearbeitet hätte.

Trotzdem sollte man auch an solchen Tagen einen kühlen Kopf bewahren und sich an seine Risiko-Management-Grundsätze halten. Wer sich in einem neuen Gebiet nicht auskennt, könnte sich zumindest für die ersten Tage einen Guide gönnen anstatt blind unbekannten Ridern hinterher zu fahren. Wenn sich eine Vierer- oder Fünfer-Gruppe die Kosten teilt, ist das auch für junge Leute erschwinglich. Am besten, man löchert den Guide mit Fragen: Warum wählt er bei dem Wetter heute gerade diesen Run aus? Welchen Plan B hat er, wenn Nebel aufzieht? Wie sieht seine Grobplanung für den Tag aus? Wie wird daraus eine Feinplanung und wie wird diese an die Verhältnisse im Gelände angepasst? Wann rät er dazu, die Skier zu tragen? Wann empfiehlt er, sie am Rucksack zu befestigen?

Erfahrungen sammeln

Inzwischen kann man diese Grundsätze zu Tourenplanung, alpinen Gefahren und Risikomanagement auch in Büchern nachlesen. Der Deutsche Skilehrer-verband (DSLV) hat mit seinem Lehrplan „Freeriden einfach“ hier sehr gute Arbeit geleistet. Doch noch wichtiger ist es, selbst Erfahrungen zu sammeln. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, welche Hänge man morgens befahren sollte und wo es sich auch nachmittags noch lohnt. Wann man besser einzeln abfährt oder einen „Massenstart“ riskieren kann. Welche Runs das heutige Wetter erlaubt.

Am Abend ist es dann eine gute Idee, sich mit seinen Kumpels zusammenzusetzen und die Erfahrungen des Tages auszuwerten. Nicht nur mit der Helm-kamera, sondern auch verbal: Was lief gut? Was kann man verbessern? Haben wir den Lawinenlagebericht richtig interpretiert? Haben wir uns an die Naturschutz-Regeln gehalten?

Besonders diesen letzten Punkt sollten Freerider ernst nehmen, denn sonst drohen irgendwann Sperrungen und Verbote. Dazu gehört, dass man Wildtierschutzzonen nicht befährt und im Hochwinter spätestens um 16 Uhr wieder im Tal ist, weil viele Tiere wie zum Beispiel das Birkhuhn in den Morgen- und Abendstunden am aktivsten sind. Im Frühwinter sollte man bei noch nicht ausreichender Schneelage auf Freeride-Touren ganz verzichten, um nicht Schäden an der Vegetation zu verursachen. Und im Frühjahr bei schon geringer Schneedecke die Ski rechtzeitig abschnallen und nicht bis zum letzten Schneerest abfahren.

Locations finden

Zugegeben: Für Einsteiger ist das eine ganze Menge Stoff. Man kann sich dicke Bücher kaufen, nächtelang im Internet recherchieren – und dann steht man an der Bergstation, rundherum ist alles weiß, und man hat nicht den leisesten Schimmer, wo sich der Einstieg in den Run befinden könnte. Jetzt bloß nicht aufgeben! Das mit der Orientierung braucht seine Zeit. Und so nach und nach entwickelt man auch ein Gespür dafür, wie man das Potenzial eines Gebietes so richtig ausschöpft, auf welchen Runs man auch noch mehrere Tage nach dem letzten Schneefall spannendes Freeride-Gelände findet. Oft lohnt es sich auch, die eingetretenen Pfade zu verlassen. Natürlich sollte man die berühmten Freireiter-Reviere wie Andermatt, La Grave, Engelberg, Arlberg, Krippenstein oder Verbier mal gesehen haben. Aber manchmal lohnt es eben auch, um die ganz großen Namen einen ganz großen Bogen zu machen, weil sich dort nämlich alle gegenseitig auf die Füße treten. Gerade das könnte der große Trend des kommenden Winters werden: Das Ausweichen in unbekannte Locations oder in Familienskigebiete, von denen man weiß, dass die meisten Skifahrer dort auf den Pisten bleiben und weniger Gerangel um den begehrten Powder herrscht.

Ein weiterer Trend: Flexibilität! – Denn es bringt nichts, Monate im Voraus ein langes Wochenende in einem bestimmten Gebiet zu planen, wenn dort dann partout kein Neuschnee fallen will. „Go with the Snow“ lautet das Gebot der Stunde, und viele Profibergführer wie der Schwarzwälder Flory Kern haben das in ihren Programmen längst berücksichtigt: Sie fahren mit ihren Gästen spontan dorthin, wo Frau Holle am fleißigsten war.

Nach so viel Theorie soll es jetzt aber endlich losgehen: SNOW hat für Euch fünf Top-Reviere für den grenzenlosen Spaß im Tiefschnee ausgesucht, in denen auch Einsteiger glücklich werden. Wir raten aber dazu, wegen der alpinen Gefahren die Freeride-Abfahrten nur mit Bergführer anzugehen!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 02 / 2013

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