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Auf Touren kommen

Der Trend zum Tourengehen nimmt mehr und mehr an Fahrt auf. Das ungezähmte Skifahren in wilder Natur ist ein einmaliges Erlebnis – darin sind sich alle einig.

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Die individuellen Anforderungen ans Material könnten jedoch kaum verschiedener sein. Grund genug, uns die besten Tourenmodelle der Saison einmal genauer anzusehen.

Text Marc Naumann

Bild Fritschi, Stöckli, K2/Christian Stadler, La Sportiva, Scott

Tourengehen ist eine sehr individualistische Angelegenheit – mittlerweile deckt es das gesamte skifahrerische Portfolio ab. So gibt es die „joggenden“ Speedtourengeher, jene, die Mehrtagestouren oder gar Hochtourenfavorisieren und die breite Masse der Genußtourengeher, die sich im Umfeld der gewohnten Infrastruktur wohlfühlt.

Der Markt der Tourenski und auch des Equipments bedient alle Sparten mit einem spezifischen, aber teils auch unüberschaubarem Angebot. Mit unserem aktuellen Test wollen wir ein bisschen Licht ins Dunkel bringen und den Weg zum individuell passenden Ski aufdecken.

An erster Stelle bleibt die Frage nach dem grundsätzlichen Einsatz: Steht bei Euch reines Tourengehen mit seltenen Abstechern auf die Piste ganz oben auf der Prioritätenliste? Oder geht Ihr zumeist Aufstiegstouren im Umfeld der Skigebiete mit Tiefschneeabfahrt. Je nachdem solltet Ihr Euch die Ski in einer der zwei vorgestellten Kategorien ansehen:

• Tour Allround

Hier steht meist ein mehrstündiger Aufstieg auf dem Programm. Häufig gibt es dann nur eine lange Abfahrt im Gelände mit unterschiedlichem Schneeaufbau. Hier gilt: Je länger die Tour sich im Aufstieg gestaltet, desto leichter sollte das Equipment sein, denn jeder Höhenmeter will schwer erklommen werden und auch die Abfahrt fordert nochmal viel Kraft und Aufmerksamkeit.

• Tour Freeride

Dieser Tourengeher bevorzugt eher kurze bis mittlere Aufstiege, die sich häufig an Liftfahrten anschließen. Ihm geht es darum, möglichst häufig im Gelände abzufahren. „Mit dem Aufstieg verdient man sich die Abfahrt“, lautet sein Credo. Der Fokus liegt also auf der Abfahrt und die Kaufaspekte sind stabile Fahreigenschaften. Der Ski darf etwas breiter und schwerer sein. Auch die Bindung darf etwas mehr wiegen, um möglichst gute Abfahrtsperformance zu erreichen.

Innerhalb dieser beiden Kategorien gibt es sicherlich noch allerlei Schattierungen, aber die Grundtendenz bleibt die gleiche: Auf der einen Seite steht der skifahrende Tourengeher, auf der anderen der Tourengehende Skifahrer.

Wo man sich dabei einordnet, entscheidet letztlich über die Kriterien des Skis: Gewicht, Breite, Länge und Rocker.

Gewichtige Interessen

Mit dem Gewicht kann der Spaß am Tourengehen kommen und gehen. Je länger der Anstieg ist, desto leichter sollte der Ski sein. Denn jedes Gramm, das an den Füßen klebt, wird im Verlauf einer Tour schwerer und schwerer.

Wohingegen bei der Abfahrt im verspurten oder schweren Schnee ein gewichtiger Ski Laufruhe und eine entspannte und weniger kräftezehrende Abfahrt verspricht.

Ein guter Allrounder liegt im Bereich von etwa 2.500 Gramm bis 3.000 Gramm (Paargewicht, ohne Bindung, bei ca. 170 cm Länge). Die Freeride-orientierten Modelle bringen zumeist 3.000 bis 3.800 Gramm auf die Waage. Dies liegt nicht nur an der Breite und schwereren Bindung, sondern auch daran, dass sie im Allgemeinen etwas länger gefahren werden – wie wir gleich sehen werden.

Unterschiedliche Breitenverhältnisse

Abfahrtsorientierte Tourenski weisen meist eine Mitte von ca. 90 mm auf. Mit dieser schwimmt der Ski im pulvrigen Powder besser auf und lässt sich leichter und sicherer steuern. Durch die breitere Auflagefläche sinkt er weniger ein und man kann den Hang im besten Fall sogar hinabsurfen. Vorteile gibt es hier auch bei ungespurten Aufstiegen: Die Spuranlage geht leichter von den Beinen, da man weniger einsinkt und somit auch weniger Schnee mit jedem Schritt den Berg hinaufschaufeln muss.

Aufstiegsorientierte Tourengeher bevorzugen einen schmaleren Ski, zumeist mit Breiten um die 80 mm. Diese sind leichter, man kommt vor allem in der Spur wesentlich leichter den Berg hinauf, auch bei Kehren ist man mit ihnen beweglicher. Sie haben außerdem ihre Vorteile auf sulzigem oder harschigem Schnee – der gerade zum Ende der Saison auftritt, wenn die Temperaturen im Tagesverlauf ansteigen und sich ein dünner, eisiger Schneedeckel ausbildet. Bei diesen Bedingungen lässt sich ein schmaler Ski mit weniger Kraft steuern und leichter kontrollieren.

Das Geheimnis um die richtige Länge

Schon lange wird gemunkelt, dass ein kurzer Ski drehfreudiger sei, jedoch zu Lasten der Stabilität und Laufruhe bei höheren Geschwindigkeiten. Ein langer Ski erfordert hingegen mehr technisches Können, verträgt aber auch locker eine schnelle Pistenabfahrt ohne ins Flattern zu kommen.

Beim Tourengehen kommen aber noch andere Aspekte hinzu: Länge, die Auftrieb im Tiefschnee verspricht, versus Gewichtersparnis und leichteres Handling beim Aufstieg. Gerade in Spitzkehren, womöglich noch im steilen und schwierigen Gelände, treibt ein langer Ski zusätzliche Schweißperlen auf die Stirn. Die Länge ist daher nicht nur von der Körpergröße abhängig, sondern auch vom Einsatzzweck und -gebiet. Von der allgemein gültigen Formel: Körpergröße minus 5 – 10 cm müssen je nach Einsatzzweck Zu- oder Abschläge gemacht werden.

Zuschläge:

• abfahrtsorientiert

• meist Pulverschnee (Saisonbeginn)

• kurze oder einfache Anstiege

Abschläge:

• lange oder schwierige Aufstiege

• schwierige/harte Schneeverhältnisse (Saisonende)

Eine leichte Taille

Das Verhältnis der Skienden zur -mitte beeinflusst verschiedene Fahreigenschaften. Ist die Spitze breiter als das Ende, hat der Ski mehr Auftrieb im Tiefschnee und lässt sich auch leichter in und aus Kurven steuern; das Heck rutscht dann etwas nach. Dessen Pendant ist an beiden Enden nahezu gleich breit. Das vermindert zwar den Kurvenradius und der Ski carvt wie auf Schienen, der Ski kann jedoch bei steilen Querungen leichter abrutschen, da der Kantendruck an den Enden abnimmt. Grundsätzlich ist für Skitouren eine tendenziell breitere Schaufel und ein schmaleres Ende zu empfehlen mit nur leichter Taillierung.

Der Rocker rockt auch den Tourenski

Auch im Tourenbereich ist der Rocker mittlerweile zum Standard geworden, fast alle Ski im Test hatten einen Tip-Rocker, manche einen Tip-und-Tail-Rocker. Ein Ski mit aufgebogener Schaufel (Tip-Rocker) schwimmt im Tiefschnee leichter auf. Somit könnte wiederum auf Länge verzichtet werden, um einen kürzeren und damit spritzigeren Ski zu bekommen. Ein möglicher Tailrocker am Ende des Skis bringt beim Tourengehen kaum einen Vorteil, denn der Ski rutscht damit leichter rückwärts. Gerade beim Aufstieg kann es jedoch hilfreich sein, wenn das Ende einen ver-sehentlichen Rutscher ausbremst.

Ob man gerockerte Ski etwas länger fahren sollte oder nicht – darüber herrschen unterschiedliche Meinungen. Die einen sagen, dass durch eine Zugabe die gewonnene Drehfreudigkeit und Agilität wieder verloren geht, die anderen freuen sich, längere, laufruhige Bretter unter den Füßen zu haben, die dennoch leicht zu dirigieren sind. Wie man das für sich selber betrachtet, muss jeder für sich entscheiden. Man sollte aber zwei Dinge bedenken: Durch den Rocker wird beim Geradeauslauf stets die Auflagefläche verkürzt, der Ski ist in dieser Situation allgemein instabiler und fängt leichter zu vibrieren oder flattern an.

Zum anderen bedeutet weniger Auflagefläche auch weniger Fellkontakt beim Aufstieg und weniger Kantenkontakt bei Querungen.

Ein Tourenski hat also ähnliche, aber im Detail verschiedene Anforderungen, wie ein Pistenski. Des einen Wohl ist des anderen Wehe.

Ein offenes Geheimnis zum Schluss

Den perfekten Ski für jeden Einsatz gibt es nicht. Wichtigstes Auswahlkriterium ist die eigene Erwartung an den Ski und die vorwiegenden Einsatzbedingungen. Die vorschnelle Wahl zum Allrounder kann ebenso die falsche sein, wenn man sich dann doch nur auf abgeschiedenen Bergen bewegt und der tolle Kantengriff im perfekten Champagne-Powder keine Wirkung zeigt oder andersrum die leichten Latten im rauen Sulz einfach nicht greifen wollen.

Und last but not least: Die restliche Ausrüstung muss ebenso zum Ski passen. Nichts ist ärgerlicher als ein zu steifer und schwerer Skischuh, der die geplante Überschreitung zur Qual werden lässt oder aber die leichtgewichtige Minimalbindung, die den kräftigen Kantendruck erheblich einschränkt oder gar unmöglich macht.

Der Ski ist nur die Basis auf dem Weg zur perfekten Ausrüstung. Mit unseren Tipps und einem tollen Winter steht dem Tiefschneevergnügen dann nichts mehr im Weg.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: snow Nr. 01 / 2014

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